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Montag, 14. Oktober 2019

Turons Senf zum Short Trek "The Trouble with Edward"

Spoilerwarnung.Dieser Eintrag enthält detaillierte Informationen zum Short Trek "The Trouble with Edward". Man sollte nur weiterlesen, wenn man diesen Short Trek bereits gesehen hat.


Einleitung.

Tribbles sind ein fester Bestandteil des Star-Trek-Mythos'. Seit ihrer Einführung in der Originalserie erfreuen sie sich einer großen Beliebtheit bei den vielen Fans der Franchise. Sie sind längst als Kartenspiel, Hausschuhe und natürlich als Kuscheltier erhältlich.
Kein Wunder also, dass viele andere Star-Trek-Ableger auf diesen Zug aufgesprungen sind. So spielen die possierlichen Tierchen neben dem umstrittenen Auftritt in der animierten Serie ebenfalls eine gewichtige Rolle in der legendären Deep-Space-Nine-TOS-Crossover-Episode "Immer die Last mit den Tribbles", erhielten einen denkwürdigen Kurzauftritt in der Enterprise-Folge "Böses Blut" und waren von lebensrettender Bedeutung im Abrams-Reboot-Film "Into Darkness".
Nun schickt sich Discovery an, den kleinen Kult-Objekten einen eigenen Short Trek zu widmen, nachdem sie bereits kurz in "Lakaien und Könige" zu sehen waren und in "Bruder" in einem Nebensatz erwähnt wurden.




Story.
Lynne Lucero hat es geschafft. Nachdem sie sich an Bord der USS Enterprise einen Namen als begabte Wissenschaftsoffizierin gemacht hat, wird sie als Captain auf das Forschungsschiff USS Cabot transferiert, wo sie eine Hungersnot auf einem Planeten nahe der klingonischen Grenze bekämpfen soll.
Aber schon ihr erstes Team-Meeting läuft aus dem Ruder, als sie ihren Offizier Edward Larkin kennenlernt. Der eigenbrötlerische Biologe überschreitet gleich mehrere Grenzen und beginnt schließlich hinter dem Rücken seiner neuen Vorgesetzten an ihrem Stuhl zu sägen, Befehle zu verweigern und genetische Experimente an einer neu entdeckten Lebensform namens Tribbles durchzuführen. Tatsächlich zeigen sich schnell Resultate: Das Schiff wird von einer wahren Flut der kleinen Kuscheltiere überschwemmt, so dass dem frisch gebackenen Captain nur noch eine Lösung bleibt…




Loebenswerte Aspekte.

Sonderblick.
Der Vorteil an den Mini-Episoden namens "Short Treks" ist es, in der Viertelstunde Laufzeit einen völlig anderen Blickwinkel zu präsentieren.
Diesem Motiv bleibt auch "The Trouble with Edward" treu und behandelt einen selten ausgeleuchteten Teil des Sternenflotten-Alltags. Wir sehen nämlich, wie ein Captain (in dieser Rolle wird mit der Alita-Darstellerin Rosa Salazar ein besonders hochkarätiger Gaststar für dieses Format aufgefahren) ihr neues Kommando antritt und dabei nicht auf einen hochdekorierten Schlachtkreuzer, sondern eher ein kleines popeliges Forschungsschiff versetzt wird. Wir erleben ihre ersten Zusammenkünfte mit den neuen Untergebenen, erste soziale Konflikte (mit dem anderen hochkarätigen Gaststar, dem Synchronsprecher H. Jon Benjamin) und beinharten Kommandoentscheidungen.
Dafür bleibt in den anderen Star-Trek-Serien nur vergleichsweise wenig Raum, nicht zuletzt, weil die Charaktere entweder auf die Vorzeige-Schiffe der Flotte versetzt (z.B. in TNG oder "Enterprise") oder aus Gründen der Dramatik munter verschiedene Crews zu einem munteren Haufen zusammenwürfelt werden (z.B. in DS9 oder "Voyager").
Immer wieder bemüht sich die Kleinstfolge – nicht zuletzt durch aufwändige Kamerafahrten, Schnitte und Einstellungen – um eine andere Perspektive und auch die Moral, dass man überall Idioten und den Folgen ihrer Dummheit hilflos ausgesetzt ist, ist eine so schöne wie zeitlose Moral.





Kritikwürdige Aspekte.

Balance.
Eines der Probleme dieser Folge liegt in seiner fehlenden Ausgeglichenheit.
Obwohl es primär darauf ausgelegt zu sein scheint, billige Lacher zu erzeugen (ein Mann in Unterhose, Tribbles im Staubsauger oder eine Conflakes-Werbepersiflage), versucht die Folgen immer wieder auch andere Genres in scheinbar ironischer Weise zu bedienen.
Horrorelemente, die allerdings Trash-Streifen wie "Night oft the Lepus" wie Beispiele hoher Inszenierungskunst wirken lassen.
Oder Action-Anleihen, wobei eine atemberaubende Flucht vor Tribbles in etwa so platt klingt, wie es auf der Mattscheibe dann auch herüberkommt.
Die Balance-Schwierigkeiten setzen sich aber auch innerhalb des Aufbaus fort. So fallen einige Szenen wie die Diskussion zwischen Lucero und Larkin im Bereitschaftsraum deutlich zu lang aus, während die Evakuierung des Schiffes (mit nur einem Shuttle??) hingegen arg kurz ausfällt.
Nicht minder Grund zur Sorge bereit das eigentliche Hauptthema der Folge:
Die ach so süßen Tribbles.
Die werden nämlich von den Autoren völlig neu ausgerichtet und um Aspekte ergänzt, die es entweder in den Vorgängerserien nicht gab oder den dortigen Angaben widersprechen (vergleiche Kanonbrüche und Logiklöcher). Den einzigen Nutzen den die Star-Trek-Vorbilder hier haben ist, als Inspirationsquelle für eine Handvoll Einstellungen zu dienen, die ein falsches Nostalgiegefühl befeuern sollen.
Der größte Bruch der Folge ist und bleibt allerdings die merkwürdige Werbeeinblendung nach dem Abspann der Episode. Nicht nur, dass sie merkwürdig deplatziert wirkt und in etwa so sehr zum Lachen animiert wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung; sie bleibt auch ein Fremdkörper in einer Franchise, in der Geld keine Rolle mehr spielen soll.




Glaubwürdigkeitsverlust.
Mit "The Trouble with Edward" bietet CBS vor allem sinnentleerten Fanservice, der bereits mit dem Mini-Auftritt der USS Enterprise und dem überschaubaren Auftritt Anson Mounts als Christopher Pike beginnt. Dass dann auch noch die Tribbles bemüht werden, um den Fans einen vermeintlichen Leckerbissen hinzuwerfen, passt ebenfalls ins Bild.
Doch dafür geht Autor Graham Wagner über Leichen.
Insbesondere die Edward Larkins.
Klar habe ich mich gefreut, dass H. Jon Benjamin einen Star-Trek-Gastauftritt erhält, aber die Anlage seiner Figur passt auf keine Kuhhaut. Da muss man schon seiner Vorgesetzten Lucero Recht geben, die im Privatgespräch mit ihm das zentrale Problem punktgenau umreißt:

"I don't know how you made it this far in your carreer behaving like this."

Meine sehr freie Übersetzung dazu:

"Ich habe keine Ahnung, wie sie mit ihrem Benehmen in ihrer Karriere so weit gelangen konnten."

Eine berechtigte Frage, wenn man bedenkt, wie elitär die Sternenflotte bei der Auswahl seiner Rekruten vorgeht und welche psychologischen Zulassungsprozeduren junge Kadetten über sich ergehen lassen können.
So gesehen kann man zusammen mit Lucero rätseln, wie jemand wie Edward Larkin überhaupt in den Sternenflottendienst gelangen konnte, wenn ihm das Verständnis für simple moralische Fragen fehlt, er die eigene DNA im Bestäubungsverfahren mit der fremder Lebensformen kreuzt und nicht in der Lage ist, ein intuitives Gerät wie ein PADD zu bedienen. Nein, Larkin ist kein sympathischer Loser wie Reginald Barclay, sondern ein Beispiel für einen Autor, der nicht einmal im Ansatz begriffen hat, welchen erzählerischen Rahmen er einhalten sollte.
Aber es ist nicht allein die Glaubwürdigkeit, die der unnahbaren Figur verloren geht.
Es ist auch seine Würde.
Spätestens nämlich, als Larkin in Unterhose über die Flure der USS Cabot schlendert, wird seine Erscheinung zu einem Sinnbild für diesen Short Trek und dessen eigene Position im größeren Star-Trek-Gefüge.




Kanonbrüche und Logiklöcher.
Vor allem ist "The Trouble with Edward" ein Short Trek, der sich nicht in das größere Gesamtbild einpasst. Beim Anschauen bleiben nämlich eine ganze Reihe von Fragen offen.
Wenn etwa die Trill damals schon zur Föderation gehören, warum musste sich Jadzia Dax in "Immer die Last mit den Tribbles" ihre Flecken überschminken?
Warum hat Pille bei seiner Untersuchung der Fellbälle in "Kennen Sie Tribbles" nicht bemerkt, dass sie menschliche DNA enthalten?
Und wie können Tribbles derart aufsehenerregend zur Evakuierung eines Föderationsschiffes führen, eine ganze Zivilisation zur Evakuierung zwingen und die Grenzregion zu den Klingonen destabilisieren ohne dass die gesamte Crew der Enterprise NCC-1701 davon weiß?
Das sind nur drei Fragen, die man der Folge stellen muss. Mit der Idee, den Spieß umzudrehen und den Ärger mit Tribbles ("The Trouble with Tribbles") thematisch zurück auf die Menschen zu münzen ("The Trouble with Edward"), hat man sich nämlich unnötigerweise auch massenhaft Folgefehler eingebrockt.
Jene Lieder auf den glorreichen Sieg der Klingonen gegen die Tribbles, die Odo in "Immer die Last mit den Tribbles" so sarkastisch vorgeschlagen hatte, wirken jetzt jedenfalls nicht mehr ganz so amüsant wenn man sich vor das Innere der Augen zurückruft, wie Sternenflottenoffiziere mit Phasern bewaffnet Tribbles wie Moorhühner abschießen, nur um kurz darauf vor einem Fell-Tsunami zu fliehen.
Zudem ist mir nicht so ganz klar, wie ein Tribble beim Sturz vom Schreibtisch sterben kann, aber seine eigene, kanonenschussartige Geburt überlebt.
Die niedlichen, aber harmlosen Kreaturen wurden für ein fragwürdiges Gleichnis geopfert und mit vielen Neuerungen gespickt, die nicht nur Widersprüchen auslösen, sondern auch einfach keinen Sinn ergeben.
Denn Tribbles, die sich derart rasant vermehren, Kabel durchbeißen und nicht zuletzt Edward Larkin in der wahren Tribblesflut töten, widerspricht schlichtweg allen vorherigen Darstellungen der harmlosen Vielfraße.
Wusste Wagner etwa nicht was er tat?
Die Hinweise legen eher das Gegenteil nahe.
Die Erwähnung der Heimat dieser Wesen auf Iota Geminorum IV und ihr Wert als Fleischlieferant lassen sich auf Bermerkungen Phlox' zurückführen, die er in der Enterprise-Episode "Böses Blut" zum Besten gab. Das Problem daran ist aber, dass Phlox im gleichen Atemzug davon berichtet, dass die exponentielle Fortpflanzungsrate der Tiere ihren Fressfeinden gegenüber den entscheidenden evolutionären Vorteil bringt. Diese Aussage steht mit dieser Folge allerdings im Widerspruch mit den Ausführungen Larkins, der die Reproduktion der Tribbles gegenteilig beschreibt.
Das bedeutet, dass sich Wagner bewusst dafür entschieden haben muss, diesen Fakt zum Wohle einer löchrigen Story zu ignorieren, weil er ihm nicht in den Kram gepasst hat.

Wenn eine Facepalm allein nicht ausreicht...



Fazit.
"The Trouble with Edward" bringt die Tribbles zurück in den Fokus. Die Folge ist gut besetzt, handwerklich gut gemacht und bietet einen Einblick in den Sternenflottenalltag, den man vergleichsweise selten erhält.
Doch das alles wird durch einen Autor zunichte gemacht, der sich keine Mühe gegeben hat, die Folge ausgeglichen zu gestalten, der Glaubwürdigkeit des Settings Tribut zu zollen oder den Kanon zu beachten.
Mehr noch; durch die Verkehrung des Tribbles-Motivs zu einem menschgemachten Problem begeht er einen kalkulierten Kanonbruch, der die gesamte Folge aus dem Lot bringt.

Bewertung.
So sehenswert wie Edward Larkins gebrauchte Doppelrippschlüpfer.






Schluss.

Ein Tribble macht noch keinen Sommer.
Nur weil sich Graham Wagner hier eines beliebten Motives bedient, dass sich unter Fans großer Popularität erfreut, muss es nicht zwangsweise bedeuten, dass dabei auch ein gutes Produkt entstanden ist. Tatsächlich wirkt selbst die TAS-Episode "Mehr Trouble mit Tribbles" im Hinblick auf diese Begegnung mit Tribbles plötzlich viel besser als noch vor wenigen Tagen – und die wurde von einem farbenblinden Regisseur verwirklicht, dem wir rosa Tribbles verdanken.
Aber "The Trouble with Edward" hat auch etwas Gutes. Eindrucksvoll zeigt es noch einmal die absolute Unfähigkeit der Autoren und Produzenten auf, sich in einer Epoche zu bewegen, die vom offiziellen Kanon eingegrenzt wird und unterstreicht damit abermals deutlich, wie wichtig es gewesen ist, die Discovery vor ihren eigenen Drehbuchautoren zu schützen, indem man das Schiff in eine neunhundert Jahre entfernte Zukunft entkommen ließ.

Denkwürdige Zitate.

"I'm not dumb."
Edward Larkin

"I made one oft he most important scientific discoveries of our time. I'm not the dumb one."
Larkin

"He was an Idiot."
Lynne Lucero



Sonntag, 6. Oktober 2019

Turons Senf zum Short Trek "Q&A"


Einleitung
.
Kann sich noch irgendjemand daran erinnern, wie wichtig letzten Endes die Short Treks für den Handlungsverlauf der zweiten Staffel Discovery waren?
Ein geschicktes Verbundspiel aus Lückenfüller, Vorgeschichte und Etablierung zentraler Story-Elemente, bei dem man sich – abgesehen von der eher humoristischen Mudd-Episode - nur schwerlichst erlauben konnte, sie verpasst zu haben. Schon im vergangenen Jahr zog sich CBS den massiven Unmut der Fans aus Übersee zu, als die Miniepisoden erst unmittelbar vor dem Start der zweiten Staffel auf dem Streaming-Dienst Netflix landeten, das die Rechte an der Serie jenseits des Atlantiks innehat.
Doch nun, wo mit der von Fans herbeigesehnten Picard-Serie ein neuer hauseigener Konkurrent droht, dass spärlich gesäte Gras der Fanlandschaft beim Konkurrenten Amazon abzugrasen, hatten CBS und Netflix doch sicherlich ein Einsehen und begriffen, dass nicht nur der außer-amerikanische Markt von immenser Bedeutung ist, sondern ein Entzug der kleinen Short Treks wie ein Schuss ins eigene Bein ist, der darüber hinaus nur den Umlauf von Raubkopien befeuern würde.
Das habt ihr doch eingesehen, oder CBS?
Nicht wahr, Netflix??



Story.
Fähnrich Spock tritt seinen Dienst auf einem der berühmtesten Schiffe der Sternenflotte an: Der USS Enterprise NCC-1701. Sichtlich stolz lässt er sich auf des Schiff des legendären Captain Christopher Pike beamen, wo er von dessen ersten Offizier Nummer Eins in Empfang genommen wird.
Doch als die schlagfertige Frau den Novizen auf eine Brückentour einlädt, passiert der Super-GAU: Der Turbolift bleibt stecken und Spock ist gezwungen, für die Dauer ihres unfreiwilligen Zwischenhaltes Konversation mit seiner angehenden Vorgesetzten zu betreiben. Es entspinnt sich ein munteres Frage und Antwortspiel, bis Nummer Eins schließlich auf die Idee kommt, selbst an den elektronischen Eingeweiden des Schiffes Hand anzulegen…


Lobenswerte Aspekte.

Setting.
Dass Bottleshows funktionieren können haben bereits andere Star-Trek-Episoden wie "Das Standgericht", "Der undurchschaubare Marritza" oder "Gewalt" lebhaft unter Beweis gestellt und spätestens seit Tarentinos "Reservoir Dogs" wissen wir endgültig, dass die Qualität eines Filmes nicht abhängig von der Menge seiner Handlungsort ist.
Und lassen wir die Kirche einmal im Dorf: Ein Short Trek braucht auch nicht den starren Vorgaben einer Folge entsprechen. Dieser kleine Einblick in eine Vergangenheit vor "Der Käfig" schafft sich seine eigene Nische und startet vielversprechend mit den sanften Klängen der Originalserien-Musik und einem Set, dass dem von TOS zumindest nahe genug für mein persönliches Wohlfühlgefühl kommt (von der Brücke über die Uniformen bis hin zu den Korridoren), ohne dabei angestaubt zu wirken.
Die Mini-Folge gibt sich wahrlich größte Mühe, eine Brücke zwischen Discovery, der Originalserie und dem Abramsverse zu schlagen – letzteres vor allem musikalisch, wo Michael Giacchino als Mitverantwortlicher für die Untermalung der Folge tongewaltig die Rückkehr von Alex Kurtzman mit einem Ausrufezeichen versieht.
Vor allem aber wird dieses wohlige Gefühl von den Schauspielern weitergetragen, die es mühelos vermögen, den etablierten altehrwürdigen Charakteren der ersten Stunde neues Leben einzuhauchen. Von Ethan Peck zum Beispiel, der als Spock bereits in Discoverys zweiter Staffel einer der überschaubaren Lichtblicke bot und vor allem durch Rebecca Romjin, bei der nun besonders klar wird, welches Potential durch ihre nur sporadische Berücksichtigung als Nummer Eins sträflichst verschenkt wurde. Spätestens als Anson Mount als Christopher Pike auf dem Kommandosessel der Enterprise thront wünscht sich schließlich ein nicht sehr kleiner Teil von mir, eher die Abenteuer dieser Crew in der Vorvergangenheit weiterverfolgen zu wollen, als die der Discovery-Besatzung in einer weit entfernten Zukunft.



Background, Baby!
Der Wert dieses Short Treks liegt nicht in einer rasanten Handlung oder einer schockierenden Enthüllung, sondern darin, dass zwei beliebte Charaktere näher ausgeleuchtet werden und Befreiung von der Holzigkeit erfahren, die der damalige Pilotfilm seinen Protagonisten aufzwang.
Obgleich in Wirklichkeit die kühle Logik der Nummer Eins von Gene Roddenberry im Zuge des zweiten Pilotfilms pragmatischerweise auf die emotionale Fremdheit Spocks übertragen wurde, können wir mitansehen, wie dieser Short Trek diesen Bruch auf interessante Art und Weise zu erklären versucht, in dem er einen Pakt zwischen den beiden mehr als nur im Geiste verwandten Offizieren etabliert und den offiziellen Kanon liebevoll um zuvor nie gekannte Nähe erweitert.
"Q&A" erzählt schlichtweg eine Geschichte, für die es keinen Platz in der Hektik moderner Handlungen gibt und führt dabei quasi im Vorbeigehen die nie näher bestimmte Beziehung zweier Charaktere in neue Welten, in die nie zuvor ein Fan gewesen ist.



Kanonfutter.
Wo es primär um die Interaktion zweier Charaktere geht, da bleibt eine Menge Platz, der großzügig mit Kanon-Sägespänen ausgefüllt werden kann. Michael Chabon, der Kopf hinter dieser Mini-Episode nutzt diesen Raum auf geniale Weise (und widmet sie seinem verstorbenen Vater).
Das bereits angesprochene Sujet um den Wechsel der Eigenschaften der abgeklärten Nummer Eins auf den sentimentalen Spock greift er nur allzu geschickt auf, um daraus eine Liebeserklärung an die Frühzeit der Originalserie zu zimmern.
Während spätere Folgen die Tatsache, dass Spock im Pilotfilm lacht, noch zu einem Widerspruch machten, verdreht Chabon dieses Thema stattdessen zum Gegenstand der gesamten Handlung und zur Frage um Leben und Tod eines Führungsoffizier. Er strickt zarte Hinweise auf eine Zuneigung Nummer Eins' zu ihrem Captain genauso wie er mit dem Mysterium ihres Namens spielt.
Darüber hinaus hören wir seine korrekte Dienstnummer, von Pikes übertriebener Leidenschaft für Pferde und erfahren den Gründ für Spocks geringen Widerstand gegenüber Kirks widerholten Brüchen der Obersten Direktive. Wir erfahren von Spock, dass er keine Kommandolaufbahn anstrebt, vom Leid seine Gefühle vor anderen permanent verstecken zu müssen und dass Vulkanier verschweigen, wenn sie sich überwältigt fühlen.
Ferner sollte auch Lieutenant Amin Erwähnung finden, die ebenfalls im Staffelfinale von Discovery eigenführt wurde.
Und auch wenn ich normalerweise kein allzu großer Freund davon bin, wenn Charaktere in spontanes Singen ausbrechen, mache ich gern eine Ausnahme, wenn es sich dabei um die verdienten Erdenkomponisten Gilbert und Sullivan handelt.
Einzig jene Ingenieurin mit dem massiven schottischen Akzent, die lediglich über Intercom zu hören ist, erscheint am Ende vielleicht etwas zu dick aufgetragen.



Kritikwürdige Aspekte.

Logiklöcher und Kanonbrüche.
Wo nicht viel Platz zum Laufen ist, bleibt auch nicht viel Platz für Fehler.
Zugegeben, diese Kategorie existiert an dieser Stelle vor allem, obwohl es nicht viel zu meckern gibt, aber nach zwei Staffeln Discovery und einer Reihe dazugehöriger Short Treks längst ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen Serie und Logiklöchern entstanden ist.
Dem zum Trotz bleibt am Ende aber höchstens anzumerken, dass es mal wieder eine Menge Platz für Turbolifts auf einem doch vergleichsweise engen Raumschiff zu geben scheint. Oder dass Nummer Eins wenigstens den Intercom-Schalter benutzen sollte, wenn sie mit ihren Reparaturen am defekten Turbolift beginnt und vom Maschinenraum verstanden werden will. Außerdem verstehe ich nicht so ganz, wo Lieutenant Amin eigentlich hinabgeklettert ist, wenn ich mir die CGIs vom Turbolift ansehe. Aber dies bleiben vergleichsweise unscheinbare Makel an einem ansonsten runden Short Trek.



Fazit.
"Q&A" ist kein Action-Feuerwerk, das sich mit einer ganzen Folge messen könnte. Es ist kein Moment, der sich ins kollektive Star-Trek-Gedächtnis einbrennen wird. Und es ist ganz sicher nicht geeignet, um den Abschied der Discovery aus ihrer eigentlichen Epoche zu rechtfertigen.
Dafür ist "Q&A" ein einfühlsamer Abschied von Darstellern und Charakteren, die die zweite Staffel Discovery zeitweise zu etwas Besonderem gemacht haben. Es ist der Beweis, dass man auch heute noch tolle Geschichten im TOS-Gewand erzählen kann und ein Plädoyer für eine Captain-Pike-Serie, die es trotz dieser Mini-Episode wohl niemals geben wird.

Bewertung.
Im Rahmen der Short Treks einer der Besten bislang.






Schluss
.
Ich gestehe.
Um mir diesen Short Trek ansehen zu können, musste ich in die dunkelsten Ecken des Internets kriechen. Ich musste mich durch fragwürdige Seiten klicken, jede Mausbewegung zweimal überdenken und vielen beinahe ausweglosen Sackgassen entkommen. Dort konnte ich dann endlichen einen kurzen Blick auf das werfen, was mir eigentlich verwehrt war. Aber noch Stunden später habe ich aus Angst vor Infektionen meinen Rechner von innen und außen gereinigt und desinfiziert, um einem vermeintlichen Virenbefall Einhalt zu gebieten.
Warum muss ich das tun?
Ich will es doch gar nicht!
Ich bezahle schließlich gutes Geld sowohl für Netflix, als auch für Amazon Prime. Es gibt absolut keinen Grund dafür, zahlenden Fans wie mir etwas vorzuenthalten, das in Amerika zum Gesamtpaket dazugehört. Stattdessen werden auf dem Rücken der Fans Machtspielchen und Geldgier ausgetragen, für das mir jegliches Verständnis fehlt.
Gerade CBS, dass seit Anbeginn der Star-Trek-Fanszene vor mehr als fünfzig Jahren bereits am eigenen Leib die ersten Erfahrungen mit den Anhängern ihres stiefmütterlich behandelten Serienjuwels sammelte, macht nahtlos dort weiter, wo man bereits anno dazumal gehörig gegen die Wand gefahren war.
Scheinbar fehlt den verantwortlichen Strategen und Vertriebsplanern ein Grundverständnis dafür, was 'Fansein' eigentlich bedeutet. Darunter versteht man nämlich eine aufopferungsbereite Personengruppe, die für das Objekt ihrer Fantums bereit ist, jeden Weg zu gehen, selbst wenn der in die gruseligsten Abgründe des Internets führt.
Weniger bereit ist es hingegen, sich zurücklehnen und zu warten – geschweige denn sich auf die Machenschaften von Personen zu verlassen, die keine Ahnung davon haben, welche Qual es ist, auf unbestimmte Zeit in der zweiten Reihe warten zu müssen, während man anderen dabei zusieht, wie sie bekommen, was man sich selbst so sehr wünscht.
Das Internet hat die Welt zusammenwachsen lassen. Aber in der Chefetage von CBS sitzen noch immer ein paar ewig gestrige Entscheidungsträger, die dieses Konzept nicht begreifen und ihren Streamingdienst wie einen Fernsehsender in den Sechzigern betreiben.
Wenn CBS als Streamingdienst wirklich konkurrenzfähig sein will, muss es an der Einstellung dieser aus der Zeit gefallenen Personen feilen.



Denkwürdige Zitate.


"What is your name, Sir?"
"Just call me Number One."
Spock und Nummer Eins

"People don't talk in elevators…"
"I observed that, Sir…"
Nummer Eins und Spock

"Have you ever considered that the Prime Directive is not only unethical but also illogical and perhaps morally indefensible?"
"No Spock, I have not and fort he sake of your own sanity might I suggest that you cease doing so immediately."
Spock und Nummer Eins

"On your knees, Spock…"
Nummer Eins

"Do Vulcans ever feel awe, Spock?"
"They do, Captain, but they tend to keep it to themselves."
Christopher Pike und Spock

Dienstag, 19. Februar 2019

Turons Senf zum Short Trek "The Escape Artist"

Spoilerwarnung.
Diese Rezension enthält massive Spoiler zum Short Trek "The Escape Artist" und sollte erst gelesen werden, wenn man zumindest die erste Staffel Discovery gesehen hat.




Einleitung.
Für die meisten Fans dreht sich Star Trek vor allem um die strahlenden Helden wie Kirk, Spock, Picard, Sisko oder Janeway. Vielleicht hängen sie auch an charismatischen Nebenfiguren wie Data, Worf, Jadzia Dax, Seven of Nine oder Phlox. Oder sie verfolgen gespannt die Beziehungen von Personen wie Julian Bashir, B'Elanna Torres oder T'Pol.
Die große Faszination, die von Star Trek ausgeht, wird aber auch von einer Vielzahl von Figuren bestimmt, die vielleicht nicht zum Stamm der Hauptdarsteller zählt aber durch mehrere Auftritte einen so bleibenden Eindruck hinterlassen haben, dass sie aus der Franchise nicht mehr herauszudenken sind.
Was wäre etwa TNG ohne Q, Gowron, Barclay, Lwaxana Troi, oder die Duras-Schwestern?
Wie würde DS9 aussehen, wenn es Dukat, Martok, Brunt, Ishka, Morn, Weyoun oder Kasidy Yates nicht gäbe?
Selbst die Voyager hatte im Delta-Quandranten treue Wegbegleiter wie Seska, Lon Suder, die Borg-Königin, Icheb oder Chaotica!
Und kann man sich Enterprise ohne Admiral Forrest, Degra, Soval, Daniels, Shran oder Major Hayes überhaupt vorstellen?
Einem dieser denkwürdigen Nebencharaktere wurde im Short Trek "The Escape Artist" der Vorrang vor den Hauptcharakteren der noch jungen Serie Discovery gegeben: Der bereits durch seine Auftritte in der Originalserie hinlänglich bekannte Kleinkriminelle Harry Mudd erhält beim vorerst letzten Mini-Folgen-Ableger überraschenderweise den Vorrang vor etablierten Figuren wie Michael Burnham, Gabriel Lorca, Hugh Culber, Philippa Georgiou, Ash Tyler oder Paul Stamets. Ob dieses Wagnis belohnt wird, klären wir in diesem vorerst letzten Senf zu den Short Treks.




Story.
Der Schurke Harcourt Fenton Mudd landet auf einem tellaritischen Schiff, dessen Captain kein Hehl daraus macht, was er mit dem flüchtigen Verbrecher vorhat: Er setzt einen Kurs auf das nächste Sternenflottenschiff um seinen unfreiwilligen Gast gegen ein hohes Lösegeld einzutauschen.
Doch Mudd nutzt die Zeit und zieht jedes Register.
Er fleht.
Er bettelt.
Er droht.
Er schleimt.
Er appelliert an das Gerechtigkeitsempfinden seines Gegenübers.
Doch am Ende gelingt es Mudd nicht, sonderlich überzeugend auf den tellaritischen Kopfgeldjäger zu wirken, der ihn mit auf ein Föderationsschiff nimmt. Doch an Bord der USS de Milo erleben sowohl Tevrin Krit als auch Harry Mudd die Überraschung ihres Lebens…


Lobenswerte Aspekte.


Der etwas andere Short Trek.
Der große Wert dieses Short Treks liegt darin, dass er nicht ist wie die drei anderen.
Das fängt schon mit der peppigen Musik an, die diese Kleinstfolge schwungvoll einleitet. In einem munteren Wechsel aus Rückblenden und spartanischen Szenen an Bord des Schiffes eines tellaritischen Handelsreisenden, steht vor allem ein sich windender Harcourt Fenton Mudd im Mittelpunkt, der eher an die heitere Originalserien-Variante als an die düstere Discovery-Neu-Interpretation des glücklosen Ganoven erinnert.
Weitab vom klinisch-sauberen Sternenflottenalltag wirkt "The Escape Artist" dadurch ungezwungener als "Runaway", leichter verdaulich als "Calypso" und auch weniger tiefgreifend als "The Brightest Star". Es zentriert sich auf das glücklose Leben eines gewieften Gauners und nutzt dabei vor allem Humor als lingua franca.
Dabei sitzt vielleicht nicht gleich jede Pointe und vor allem auf tellaritischer Seite muss man eine Menge Overacting in bester Shatner-Manier ertragen, aber im Großen und Ganzen bleibt "The Escape Artist" ohne Abstriche überaus unterhaltsam. In flottem Tempo rast die Handlung durch die Sünden Mudds in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und gewährt dem Zuschauer einen einzigartigen Einblick in das Innenleben einer gut getroffenen Star-Trek-Ikone.
Regie führte dabei niemand Geringeres als der Mudd-Darsteller Rainn Wilson höchstpersönlich, der die Mehrfachbelastung diverser gleichzeitiger Rollen scheinbar problemlos meistert. Das Drehbuch stammt übrigens aus der Feder jenes Mannes, der für die angekündigte animierte Lower-Decks-Serie die Hauptverantwortung tragen wird. Soweit sich das an einem viertelstündigen Real-Life-Mini-Fölglein und seiner bisherigen Arbeit an "Ricky und Morty" beurteilen lässt, könnte dieser ebenfalls vom Sternenflotten-Ehrgeiz befreiten Erzähl-Ansatz ähnlich unterhaltsam ausfallen. 
Vor allem setzt Rainn Wilson in mehrfacher Ausgabe das überdeutliche Ausrufezeichen, dass die Star-Trek-Legende Harry Mudd sich noch irgendwo in den Weiten des Alls auf freiem Fuß befindet und eine Größe ist, mit der man in zukünftigen Star-Trek-Folgen rechnen sollte.



Kritikwürdige Aspekte.

Kanonbrüche und Logiklöcher.

Es gibt so einige Kanon-Leckerbissen, die diese Folge eigentlich zu einem Hochgenuss machen sollten. Dazu zählten fraglos die Szene um Myrthin Stagg als orionische Aufseherin in einem Unterweltfolterkeller, die Zentrierung auf einen Tellariten (die selten gesehene Spezies ist immerhin ein Gründungsmitglied der Föderation!) als Antagonisten, der Mudd-Android mit der passenden Originalserien-Jacke und jener andorianische Helm, der so prominent auf der Brücke zur Schau gestellt wird.
Auf der anderen Seite muss man sich an dieser Stelle fragen:
Mudd und lauter Androiden von gleicher Gestalt – gab es da nicht schon einmal was von Star Trek?
Die traurige Antwort lautet:
Ja, in "Der dressierte Herrscher".
Und so nimmt "The Escape Artist" uninspiriert die Ereignisse einer der besseren Episoden der Originalserie vorweg, ohne auch nur die leiseste Spur einer Erklärung zu bieten. Stattdessen wird der offizielle Kanon mit einem weiteren, völlig unnötigen Widerspruch belegt. Wozu muss denn Mudd zehn Jahre später noch absoluter Herrscher eines verwaisten Androiden-Planeten werden, wenn er sich muntere Kybernetik-Entsprechungen seiner selbst im düsteren Bastelschuppen seines eigenen Schiffes zusammenschustern kann?
Und das ist zu meiner eigenen Überraschung noch das kleinere Übel.
Wenn man sich Mudds manipulative Machenschaften einmal genauer ansieht, kann man nicht mehr genau feststellen, ob es am Ende wirklich Mudd war, der in den beiden Discovery-Episoden "Wähle Deinen Schmerz" und "T=Mudd²" zu sehen war.
Denn woher wissen wir überhaupt, dass der Mudd in diesen beiden Folgen nicht viel eher eine Kopie des Originals war?
Ich für meinen Teil würde es im Angesicht der Figurenzeichnung dieses Short Treks absolut schlüssig finden, wenn an Stelle des Originals ein androider Stellvertreter den unheilvollen Weg in ein klingonisches Gefängnisschiff oder in Stellas familiären Ehe-Kerker gegangen ist. So berauben fünfzehn Minuten harmlos gemeinte Unterhaltung der ersten Staffel eines zentralen Höhepunktes, nur weil abermals weder dem Kanon, noch der inneren Logik allzu viel Beachtung geschenkt wurden.

Synchronisation.
Die deutsche Übertragung ist recht unaufgeregt und lässt sich schon allein wegen fehlender Störfeuer als gelungen betrachten. DAher hätte ich diesen Punkt am liebsten ersatzlos unter den Tisch fallen gelassen, wenn das Übersetzerteam nicht ein Auge für entscheidende Details bewiesen hätte.
Statt herzlos das englische 'Credits' zu übernehmen, entschieden sich die Verantwortlichen tatsächlich dafür, den Originalserien-Terminus "Föderationsdukaten" aus der ZDF-Synchronisation zu "Kennen Sie Tribbles?" zu verwenden. Das passt nicht nur großartig in eine Folge, die zehn Jahre vor Kirks historischer Fünfjahresmission angesiedelt ist, sondern beweist auch auf wunderbare Art und Weise ein Einfühlungsvermögen, wie ich es mir öfter bei Star Trek wünschen würde (leider verändert sich die Bezeichnung der Währung am Ende warum auch immer urplötzlich in Latinum).




Fazit.
Der letzte Beitrag unter den Short Treks ist auch dessen größter Ausreißer. Abseits des starren Sternenflottenerzählrahmens bietet "The Escape Artist" einen humoristischen, schwungvollen und treffsicheren Einblick in Harry Mudds Ganoventum.
Doch die Produzenten stellen sich selbst ein Bein und stolpern über längst etablierte Momente in Mudds Biographie genauso wie über die selbst geschaffene Handlung der ersten Staffel, in dem sie unnötig Zweifel an der Identität Mudds säen.

Bewertung.
Ein wenig zu viel Kopie.






Schluss.
An sich unterstreicht "The Escape Artist", dass Short Treks den idealen Rahmen bieten, um auch mal den weniger besungenen Helden der Franchise ein wenig Raum zu bieten. Den großen Figuren wird ohnehin viel mehr Platz eingeräumt und auf diese Art und Weise erhält der Zuschauer auch einmal die Gelegenheit, anhand der kleineren Rollen Einblicke in jene Ecken der ach so heilen Föderationsutopie zu erhalten, die nicht sonderlich häufig von strahlenden Vorzeige-Sternenflottenoffizieren ausgeleuchtet werden.
Allerdings hätten die Schreiber deutlich mehr Sorgfalt in diese Premiere investieren müssen, denn am Ende scheitert dieser großartige Versuch darin, dass die Handlung nicht konsequent genug durchdacht wurde und in einem eklatanten Widerspruch zu Kanon und innerer Logik steht.
Schade eigentlich, aber hoffen wir, dass dem Versuch, kleineren Figuren eine größere Projektionsfläche zu verschaffen dadurch nicht auf längere Sicht der Weg eher verbaut wurde.

Denkwürdige Zitate.

"Harcourt Fenton Mudd. Gesucht von der Föderation wegen dreißig Fällen von Schmuggelei, zwanzig Fällen von versuchtem Mord, einem Fall von versuchtem Königsmord?"
"Pff, Königsmord. Er war nur ein Herzog. Das zählt wohl kaum als Königsmord. So genau sollten wir schon bleiben; so viel Zeit muss sein!"
"… dem Transport gestohlener Güter und einem Fall von Penetration eines Weltraumwals?"
"Es war nicht so wie es klingt…"
Tevrin Krit und Harry Mudd

"Ich sollte Ihnen das nicht sagen, aber ich bin Mitglied des Widerstands. Die Föderation wird nicht haltmachen, bis sie den gesamten Quadranten unterworfen hat! Natürlich verdrehen die alles und schwafeln irgendwas von 'friedlicher Erforschung'. Aber wonach sie wirklich streben ist totale hegemoniale Vormachtstellung!"
"Ich habe nie von diesem Widerstand gehört…"
"Es ist ja auch ein 'geheimer' Widerstand. Niemand weiß davon abgesehen von den Widerständlern. Tja und ich bin auch einer davon. Wir beide sind gar nicht so verschieden! Wir prügeln uns um die Reste; um ein paar Krümel vom Kuchen und so geht das nicht weiter. Vielleicht sollten wir uns zusammentun. Hm? Und mit vereinten Kräften unser Schicksal in die Hand nehmen."
"Ah!"
"Hören Sie die Weisheit in diesen Worten?"
"Sag mal ist jemals einer auf diese Masche reingefallen? Hahaha!"
Krit und Mudd

"Wenn Sie ein bisschen größer wären, würde Sie sich vielleicht nicht so oft verlaufen."
Mudd

"Oh, ein weit verbreiteter Irrtum. Aber daran ist leider kein Deut wahr. Doch, ich sage die Wahrheit! Immer wenn ich mal Geld hatte, hat sich's der Fiskus der Föderation geschnappt. Hätte ich Geld übrig würde ich jetzt an irgendeinem Strand Cocktails schlürfen, anstatt hier gefesselt herumzulungern in diesem… wunderbaren Kreuzer."
Mudd

"Hey Schwachkopf, Du weißt, dass wir 'ne Kamera hier drinnen haben?"
orionische Aufseherin

Weiterführende Leseliste.

Short Treks.

01. Rezension zu "Runaway"
02. Rezension zu "Calypso"
03. Rezension zu "The Brightest Star"
04. Rezension zu "The Escape Artist"

Staffel 1.

01. Rezension zu "Leuchtfeuer" und "Das Urteil"
03. Rezension zu "Lakaien und Könige"
04. Rezension zu "Sprung"
05. Rezension zu "Wähle Deinen Schmerz"
06. Rezension zu "Lethe"
07. Rezension zu "T=Mudd²"
08. Rezension zu "Si Vis Pacem, Para Bellum"
09. Rezension zu "Algorithmus"
10. Rezension zu "Nur wegen Dir"
11. Rezension zu "Der Wolf im Inneren"
12. Rezension zu "Blindes Verlangen"
13. Rezension zu "Auftakt zum Ende"
14. Rezension zu "Flucht nach vorn"
15. Rezension zu "Nimm meine Hand"

Staffel 2.

01. Rezension zu: "Brother"
02. Rezension zu "New Eden"
03. Rezension zu "Lichtpunkte"
04. Rezension zu "Der Charonspfennig"
05. Rezension zu "Die Heiligen der Unvollkommenheit"
06. Rezension zu "Donnergrollen"
07. Rezension zu "Licht und Schatten"
08. Rezension zu "Gedächtniskraft"
09. Rezension zu "Projekt Daedalus"
10. Rezension zu "Der rote Engel"
11. Rezension zu "Der Zeitsturm"
12. Rezension zu "Tal der Schatten"
13. Rezension zu "Süße Trauer, Teil I"
14. Rezension zu "Süße Trauer, Teil II"


Samstag, 9. Februar 2019

Turons Senf zu "Der Charonspfennig" (Star Trek Discovery, S2Nr04)


Spoilerwarnung.

Diese Rezension enthält massive Spoiler zu "Der Charonspfennig", der vierten Folge der zweiten Staffel Discovery und sollte erst gelesen werden, wenn man die vorangegangenen Folgen sowie den Short Trek "The Brightest Star" gesehen hat.




I. Einleitung.
Nachdem ich seit der letzten Folge meinen Unmut über den dortigen Rückfall in alte Verhaltensmuster hinlänglich beklagt habe, traf ich tatsächlich jemanden, der eine interessante Analogie zu bieten hatte:
Was, wenn "Lichtpunkte" im Prinzip wie Armus (aus der TNG-Episode "Die schwarze Seele") war?
Alles, was der Schönheit der beiden ersten Folgen im Wege stand, wurde konzentriert, zusammengegossen und in diese eine Episode verbannt.
Und nicht zu Unrecht!
Damit nämlich die anderen beiden Folgen im schönsten Star-Trek-Licht glänzen konnten, musste es über kurz oder lang einen Ausreißer geben, in dem die schmutzige Drecksarbeit von Handlungsentwicklung, Erzählebenenausbau und Charakterhintergrund verrichtet wird, auch wenn es am Ende vielleicht nicht unbedingt dass ist, was viele Zuschauer als sonderlich ansehnlich bezeichnen würden.
Ob man das wirklich so betrachten kann, lasse ich an dieser Stelle mal einfach so im Raum stehen, denn die viel quälendere Frage dazu lautet in meinen Augen:
Werden wir von jetzt an lauter zäh fließenden Teer betrachten müssen und vergeblich auf die Rückkehr jener schönen Stimmung zu Beginn der Staffel warten?
Oder lassen wir diesen dunklen Fleck wie die Enterprise es dereinst tat unter Verlusten hinter uns?




II. Story.
Na endlich! Captain Christopher Pike bekommt von seinem ersten Offizier der USS Enterprise sachdienliche Hinweise zum Verbleib seines Wissenschaftsoffiziers Spock, der in einem Shuttle scheinbar der Strafverfolgung zu entgehen versucht.
Sofort lässt er einen Abfangkurs berechnen, um den flüchtigen Kameraden zu finden, bevor es jemand anders tun kann. Doch just in diesem Moment, in dem der Erfolg zum Greifen nahe ist, kommt alles anders als gedacht.
Die USS Discovery wird von einer fremden Intelligenz aus dem Warp gerissen, die das Schiff und seine empfindlichen Systeme völlig durcheinanderwirbelt. Die Crew kämpft verzweifelt gegen den Totalausfall der Technik an, doch manch ein Offizier wird von noch weitaus schwerwiegenderen Auswirkungen bedroht: Sarus Körper fällt in den finalen Zustand des Lebenszyklus eines Kelpianers, deren einziger Ausweg der sichere Tod ist.
Selbst Tilly kommt nicht ungeschoren davon. Jener Pilz, der sich gerade erst aus ihrem Körper entfernen ließ, hat nach einem Unfall abermals Besitz von ihr ergriffen und scheint fest entschlossen, kein weiteres Mal klein beizugeben.
So spitzt sich die Lage immer weiter zu. Bis Burnham im Angesicht Tillys die entscheidende Erkenntnis erlangt, die zumindest eines der Probleme lösen könnte…





III. Lobenswerte Aspekte.

Jetzt Neu: Star Trek – mit echtem Star Trek!
Holen wir mal weit aus:
Wie sagte Fry in der Futurama-Episode "Der letzte Trekkie" so schön über seine Lieblingsserie Star Trek?

"Hm. Das ist üblich bei jeder Episode. Jemand taucht auf mit 'nem komplizierten Plan, dann erklärt er ihn mit einfacher Analogie."

Komisch, dass ich ausgerechnet daran denken musste, als in "Der Charonspfennig" mindestens drei Mal haarsträubend passgenaue Vergleiche zu "Fliegen im Spinnennetz", "Blitzableitern" oder "Büffel-vertilgenden Ameisen" zu hören waren.
Das war allerdings keineswegs der einzige Griff in die Geschichte und tatsächlich habe wohl nicht nur ich mich ein ums andere Mal gefragt "Gab's da nicht was von Star Trek?".
Ein Lebewesen, dass inmitten der Unwirtlichkeit eines kalten Weltalls lebt?
Könnte man aus "Mission Farpoint", "Der Telepath" oder "Die Begegnung im Weltraum" kennen.
Signale können nicht als das gedeutet werden was sie sind?
Das gab es schon in ähnlicher Form bereits in "Star Trek: Der Film", "Star Trek IV: Zurück in die Vergangenheit" oder "Augen in der Dunkelheit".
Ein fremdes Wesen besetzt den Körper einer Hauptfigur?
Ein alter Hut aus Episoden wie "Gefährlicher Tausch", "Der Parasit" oder "Der Kriegsherr".
Die Liste ließe sich problemlos weiter fortführen. Beihilfe zum Selbstmord war bereits ein Thema in "Die Operation", ein Crewmitglied mit vermeintlich tödlicher Krankheit sahen wir auch in "Der verirrte Planet" und ein Weltraumwesen, dass Körperfunktionen weit vor der Zeit auslöst, kann man auf erstaunlich ähnliche Weise auch in "Elogium" bewundern.
Nun könnte man meinen, dass sich bei so viel Déjà vu die Wiedersehensfreude in Grenzen hält.
Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall! Discovery mag zwar vielleicht das Rad nicht neu erfinden, aber es gelingt der Serie, dem ein oder angestaubten Star-Trek-Topos mit einer frischen Herangehensweise neues Leben einzuhauchen.
Man kann sogar mit Fug und Recht von der ersten Discovery-Folge sprechen, die den Geist von jener Zeit atmet, in der alle noch Forscher waren. Darin liegt der Wert dieser Episode, die darüber hinaus auch noch mit Referenzen auf die gute alte siebenundvierzig, auf Scottys Liebe zur Enterprise und den Planeten Tau Ceti zu glänzen versteht.
Abermals kann man zudem den deutlichen Willen der Autoren ablesen, auf die Fans zugehen zu wollen. Pikes Vermutung, dass das Systemversagen an Bord der Enterprise mit der von ihm verachteten Holokommunikationstechnologie zusammenhängt, mag eine weit hergeholte Erklärung für diese Diskrepanz zur Originalserie sein, doch immerhin zeugt sie vom Bemühen, die Wogen glätten zu wollen. Weitere Indikatoren dafür sind das Auftreten von Nummer Eins, der clever in Szene gesetzte Streit um Sinn und Unsinn von Antimaterie-Materie-Antrieben und vor allem die überdeutliche visuelle Anlehnung an den zweiten Star-Trek-Kinofilm.




Stamets' Erkenntnis, dass seine Nutzung des empfindlichen Sporennetzwerkes katastrophale Auswirkungen auf dessen Bewohner hatte, bietet sogar die Möglichkeit, mit dem Pilzantrieb einen der umstrittensten Aspekte der Serie stilvoll zu bereinigen (obgleich es sich wohl erst in Zukunft zeigen muss, ob die Autoren wirklich die Finger von diesem erzählerischen Allheilmittel lassen können).
Als wäre das noch nicht genug, enden die Versuche Brücken zu schlagen keineswegs damit, nostalgische Querverbindungen zu anderen Star-Trek-Serien herzustellen.
Immer wieder lassen sich zum Teil großartige Querbezüge zu anderen Discovery-Folgen wie "Leuchtfeuer", "Lakaien und Könige" oder "Bruder" finden. Jetzt wird dem Zuschauer klar, warum Saru über neunzig Sprachen sprechen muss, warum Linus im Turbolift an einer Viruserkrankung litt oder wieso Kelpianer über so übersteigerte Sehkräfte verfügen. Selbst die Blume, die im Vorspann nach der Discovery greift, ist in dieser Episode in ihrer natürlichen Pracht zu bewundern.
Vor allem aber baut die Folge auf dem auf, was der wunderbare Short Trek "The Brightest Star" an Vorarbeit geleistet hat. Das ganze Konstrukt der Kelpianer-Lebenslüge, die enge Bindung Sarus zu seiner Schwester Siranna und seine Flucht von seiner Heimatwelt ergeben vor allem dann Sinn, wenn man die Mehrinformationen aus dem kurzen Ergänzungs-Kurzfilm miteinbezieht.
Am Ende gelingt es den Produzenten, sämtliche Register zu ziehen, die ihnen im Rahmen einer kontinuierlich über mehrere Episoden hinweg erzählten Handlung möglich waren. Sieht man, zu was Discovery in der Lage ist, wenn man wirklich die Bereitschaft zeigt, das beste beider Welten zu vereinigen, dann zeigt sich, dass die Serie erst angefangen hat, ihr Potential auszuschöpfen. Hoffen wir, dass man sich dessen auch in den folgenden Episoden erinnert und "Der Charonspfennig" keine Eintagsfliege bleibt.



Charaktermomente.
Symptomatisch für diese Folge kann man die Team-Sitzung stehen lassen, die gleich zu Beginn abgehalten wird. Die Brückencrew sitzt gleichberechtigt nebeneinander und holt sogar neue Crewmitglieder in ihre Mitte.
Was nicht nur als weiterer Star-Trek-Moment gezählt werden kann, ist zeitgleich auch ein Statement für den Platz, die den einzelnen Figuren der Serie in "Der Charonspfennig" erhalten. Allen – sogar der sonst chronisch unterrepräsentierten Doktor Pollard – bleibt ein angemessener Raum zur Entfaltung. Insbesondere in jener Szene, in der ein babylonische Sprachgewirr auf der Brücke ausbricht, darf jeder Schauspieler mindestens einmal in optimaler Kameraentfernung seinen fremdsprachigen Senf in den Topf werfen. Dass Nhan, Jet Reno und Nummer Eins in dieser Episode auftreten konnten, unterstrich nur die Wahrnehmung einer großen Sternenflotten-Familie, in der alle Beteiligten miteinander arbeiten.
Doch auch wenn alle Schauspieler hier großartige Arbeit geleistet haben, muss man doch einige von ihnen an dieser Stelle mit etwas Sonderlob hervorstechen lassen.
Zuerst würde mir an dieser Stelle die Nummer-Eins-und-Mystique-Darstellerin Rebecca Romijn einfallen, die nicht nur die Erhabenheit der im Original von Majel Barrett verkörperten Figur genial eingefangen hat, sondern den doch etwas blassen Führungsoffizier durch ihren selbstbewussten, wenn auch arg kurz geratenen Auftritt um eine weitere Nuance bereichert hat.
Auch ihr Captain Christopher Pike findet eine großartige Umsetzung in Anson Mounts Darstellung. Selbst wenn er als Raumschiffkommandant schlussendlich erstaunlich wenig mit der Lösung des Problems zu tun hatte, gelang es ihm doch immer wieder solche Ausrufezeichen zu setzen, die den Geist Star Treks heraufbeschworen.
Tig Notaro war als Jet Reno hingegen zuweilen grenzwertig. Manchmal wirkte ihre arg an Leonard 'Pille' McCoy angelehnte Art etwas aufgesetzt und schauspielerisch kann man ihr kaum die darstellerische Bandbreite unterstellen, die ihre restlichen Kollegen an den Tag legten. Allerdings macht sich ihr Hintergrund als Komikerin doch bezahlt, als sie sich zum Gegenspieler Stamets' aufschwingt, denn tatsächlich gewinnen beide durch die Wortduelle, die zuvor bereits in ähnlicher Form unterhaltsame Pärchen wie Q und Worf, Odo und Quark oder Neelix und Tuvok hervorgebracht haben.
Neben diesen Streits war Anthony Rapps beste Szene in meinen Augen jene, in denen er zu einem David-Bowie-Duett mit Tilly ausholte. Während ich Musik-Einlagen wie dieser im Normalfall nämlich eher skeptisch gegenüberstehe, muss ich zugeben, dass dieser Moment (nicht zuletzt wegen des dezent eingearbeiteten Soundtracks) eine gewisse Würde transportierte, die etwa der Einbindung von Billy Joel bei der "Orville" fehlte.
Im Vergleich zu diesen beiden Aktivposten war Fähnrich Tilly (Mary Wiseman) vergleichsweise unauffällig, was besonders ist wenn man bedenkt, wie oft sie allein für den Zweck von Slapstick, Übereifer und frechen Sprüchen ins Rampenlicht gezerrt wurde. Wenn das hier der Fall war, so geschah es vergleichsweise dezent – eine Entwicklung, die der Figur gut zu Gesicht stand.
Ähnlich verhält es sich mit Sonequa Martin-Green als Michael Burnham. Zwar steht sie mal wieder im Fokus des Geschehens, doch dieses Mal funktioniert ihr Charakter vorrangig als Bindeglied zwischen den einzelnen Handlungssträngen. Ihr ganzes Potential fördert sie erst zutage, als sie in einem kongenialen Zusammenspiel mit Saru unter Beweis stellt, dass sie nicht allein in Kombination mit Mary Wiseman zu glänzen versteht.
Den absoluten Höhepunkt aber markiert eben jener Schauspielkollege Doug Jones, der abermals unter einer schweren Maske unglaubliche Gefühlregungen für seinen Charakter Saru hervorholt. Der erfahrene Darsteller überzeugt dabei kränklich schwitzend, krampfhaft durchhaltend und kraftlos sterbend. Er transformiert Saru beinahe im Alleingang zu einer Figur, die glaubwürdig seine Ängste zusammen mit seinen Gefahrenganglien in manchmal vielleicht etwas zu ausgedehnten Sterbeszenen überwindet.



Komposition und Moralität.
"Der Charonspfennig" besticht durch seinen Guss. Beziehungen, die im Zentrum stehen und für Burnham (mit Spock), Stamets (mit Reno), Saru (mit Burnham), oder Tilly (mit dem May-Pilz) sind geschickt in die größere Handlung eingewoben, ohne fehl am Platz zu wirken.
Die in einem streckenweise bemühten, aber stets angemessenen Tempo erzählte Geschichte ist mit Humor genauso wie mit Drama ausgestattet und versäumt es dabei nicht, den Figuren ausreichend Platz zum Entwickeln zu überlassen.
In Lee Roses zweiter Discovery-Regie setzt er seine gute Arbeit aus "Wähle Deinen Schmerz" nahtlos fort, glänzt durch denkwürdige Kameraeinstellungen und vergisst dabei nicht, so wie bereits bei seinem Debüt einige Ausrufezeichen in punkto Moralität zu setzen.
Dabei geht es diesmal (neben Umweltverschmutzung, Flüchtlingsschicksalen oder Mitgefühl) vor allem um Perspektive.
Sowohl Saru als auch Stamets und Burnham müssen im Laufe der Episode erfahren, dass ihre bisherigen Glaubengrundsätze, Erkenntnisse und Verhaltensmuster keineswegs in Stein gemeißelte Konstanten sind. Saru ist zwar Sternenflottenoffizier, aber als er durchschaut, dass die Philosophie seiner gesamten Spezies auf einer Lüge beruht, erkennt er, dass er in der Verantwortung ist dieses Unrecht zu bekämpfen.
Stamets hingegen, der sich selbstgefällig im Glanz seiner Sporenforschung gesonnt hat muss erfahren, dass seine friedvolle Nutzung des Myzelnetzwerkes keineswegs die umweltfreundliche Alternative zu krystallinen Brennstoffen ist und dass sein unbedarftes Handeln immenses Leiden verursacht. Auch er sieht ein, dass er diesen Missstand schnellstmöglich beheben muss.
Und schließlich muss sogar Burnham einsehen, dass sie in ihrer Vergangenheit zwar Spock verletzt haben mag, aber dass sie dies keineswegs von der Verantwortung befreit, aktiv an seinem Leben teilzuhaben. Am Ende nimmt auch sie Pike gegenüber die Bitte zurück, so weit wie möglich aus Spocks Rettung herausgehalten zu werden.
So wie der Perspektivwechsel der Discovery-Besatzung hilft, die vermeintliche Bedrohung durch die Sphäre weniger als Gefahr, denn viel mehr als eine Möglichkeit zu betrachten, entwickeln sich auch die Charaktere, als sie diese Erkenntnisse auf ihre eigene Person anwenden.
Womit ein weiterer Bogen zu dem gespannt wurde, was Star Trek mehr als einmal ausgemacht hat.





IV. Kritikwürdige Aspekte.

Spannung!?
Auch wenn mittlerweile viele tatsächlich eher negative Aspekte der ersten Staffel Discovery überwunden zu sein scheinen, stößt der Mangel an dem ein oder anderem Prinzip bitter auf. Freilich kann man keine Star-Trek-Serie ohne das dazugehörige Star-Trek-Gefühl produzieren, doch es gibt einige wenige Aspekte, denen man besser treu geblieben wäre.
Eine dieser Punkte betrifft das ursprüngliche Vorhaben, in bester Game-of-Thrones-Manier Spannung dadurch zu erzeugen, dass keinem Charakter eine Überlebensgarantie ausgestellt wird. Und tatsächlich sahen wir innerhalb der ersten Staffel Charaktere wie Hugh Culber, Gabriel Lorca oder Philippa Georgiou auf dem Fernsehbildschirm - mehr oder weniger - sterben.
Diesem Gedanken hat man offensichtlich gänzlich abgeschworen, wodurch allerdings auch wieder die Monotonie der Sicherheit in die gesamte Serie Einzug erhielt.
Was nützt es schon tausendmal zu betonen, dass Saru 'unvermeidlich' sterbenskrank ist, wenn doch schon jeder Zuschauer weiß, dass der populäre Kelpianer der Crew erhalten bleiben wird?
Ich lehne mich jetzt wohl auch nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich an diesem Punkt einmal die Hypothese aufstelle, dass uns auch die überraschend stille Sylvia Tilly noch bis weit über die nächste Folge und sogar das Ende die Staffel erhalten bleibt.
Genauso wenig wird Pike sterben.
Was aber noch schlimmer ist, bleibt die Aussicht, dass die aktuelle Entwicklung um den Pilz wohl in einer Wiederbelebung Hugh Culbers enden wird. Ich wiederhole dabei, dass mich das einerseits für den Schauspieler als auch dessen Synchronsprecher sehr freut, aber damit einher geht andererseits auch die Absage an eine der wenigen Neuerungen, die ich für einen moderne Star-Trek-Serie, die mutig dorthin geht, wo nie zuvor jemand gewesen ist, begrüßt hätte.



Geheimniskrämerei.
Na klar, Die Handlung bei Discovery ist ein Prozess, der sich über mehrere Folgen erstreckt.
Doch langsam wird das Versteckspiel um Spock, dessen Auftritt Fans und Gelegenheitszuschauer gleichermaßen entgegenfiebern, ein wenig albern.
Es ist ein wenig so, als würde man der vermeintlichen Spannung zuliebe am langen Arm verhungert gelassen werden. Ein wenig bemüht wirkt es mittlerweile jedenfalls schon, wenn wir Burnham immer noch nicht aus der Nase ziehen können, was sie dem jungen Spock angetan hat, wie der Name von Pikes Nummer Eins denn nun lautet oder wenn wir mitansehen müssen, dass der schon beinahe abgefangene Spock doch noch weiter auf der Flucht ist.
Und so wie die Serie sich bislang vorwärtsbewegt hat sollte es wohl mit dem Teufel zugehen, wenn die nur beiläufig im Testament der Sphäre erwähnten Roquarri und ihr Krieg nichts mit dem weiteren Storyverlauf zu tun haben werden...





Logiklöcher.
Inzwischen gehört dieser Punkt fest zum Pflichtprogramm einer jeden Folge, doch auch wenn der Umfang dieses Mal kaum ein Vergleich zu vorangegangenen Episoden bietet (ein weiteres Indiz für das deutliche Bemühen der Produzenten, mit den Fehltritten der Vergangenheit zu brechen), heißt das noch lange nicht, dass "Der Charonspfennig" frei von Fehlern wäre.
So habe ich mich persönlich ja irgendwie gefreut, dass Jet Reno in bester MacGyver-Tradition einen Kaugummi für ihre Reparaturen benutzt. Allerdings sollte man sich dabei noch einmal vor Augen halten, dass es ihr Auftrag war, eine Firewall zu installieren. Zufällig habe ich heute das gleiche getan, aber auch wenn ich eine Menge Fantasie habe, wüsste ich partout nicht, auf welche Weise ein benutzter Kaugummi dabei in irgendeiner Form sinnvoll gewesen sein könnte.
Als ob das hygienisch nicht schon fraglich genug war, musste ich auch noch Burnham und Pike dabei zusehen, wie sie mit bloßen Händen in der offenen Bauchwunde eines bemitleidenswerten Discovery-Crewmitgliedes herumdrückten. Natürlich ist Plastik in der Zukunft sicherlich unpopulär geworden, aber als Medizinerin hätte Doktor Pollard vielleicht wenigstens Handschuhe – und wenn es holographische gewesen wären – austeilen können.
In die gleiche Kerbe schlägt auch die unglaublich clevere Idee, eine OP mit einem Präzisionsgerät wie einer Bohrmaschine (!) durchzuführen. Wahrscheinlich muss man sich bei der Gelegenheit schon darüber freuen, dass Reno und Stamets den Aufsatz desinfiziert haben, aber im Grunde ist diese gesamte Idee ähnlich abstrus wie Lieblingslieder zur Betäubung einzusetzen (hat denn niemand was aus 'Clockwork Orange' gelernt?)
Dieser Folge fehlte am Ende jedenfalls eindeutig der Warnhinweis ('Liebe Kinder: Bitte nicht zu Hause nachmachen!') an jene Generation 'moderner' Netflix-Zuschauer, die unlängst dafür bekannt wurde zum Zeitvertreib Waschmittel zu verzehren.

V. Synchronisation.
Der paradoxe Hauptgrund dafür, diese Folge unbedingt auf Englisch zu schauen ist Anson Mounts großartiger Versuch, den Satz "Stellt den Alarm ab! Was ist passiert?" auf deutsch sagen zu hören, denn logischerweise geht er in der Übertragung verloren.
Ansonsten gibt es – bis auf die Diskrepanz zwischen Untertiteln und Synchronisation - kaum etwas zu beanstanden, denn dass beispielsweise aus "blob" ein "Blobfisch" wird, ist so ziemlich das Beste, was man aus der Formulierung in der Sprache der Dichter und Denker noch machen kann…



VI. Fazit.
Mit "Der Charonspfennig" findet Discovery nach einem kurzen Ausrutscher sofort wieder zurück in jene Spur, die bereits die ersten beiden Folgen gelegt haben. Am Ende vermögen nur wenige Logiklöcher und ein wenig Vorhersehbarkeit den Genuss zu schmälern, den diese handwerklich einwandfreie Episode vor allem den Fans bereitet. In bester Star-Trek-Tradition bietet sie nicht nur nostalgische Anknüpfungspunkte, sondern auch die erste Raumforschungsfolge die diesen Namen auch wirklich verdient. Sie markiert den Höhepunkt nicht nur der zweiten Staffel bis hier hin, sondern sogar der gesamten bislang ausgestrahlten Serie Discovery.

Bewertung.
Starke Rückkehr zu frischgebackener Qualität.







VII. Schluss.
Kein Teer.
Kein dunkler Fleck.
Wenn diese Folge den Zuschauer eines gelehrt hat, dann vielleicht, dass man ab und zu einen Armus in Kauf nehmen kann, um am Ende eine Hand voll schöner Folgen zu erhalten, die man sich gerne ansieht (Stand bisher: eins zu drei).
"Der Charonspfennig" ist wohl wie ein Blumenstrauß, den die Discovery-Macher den Star-Trek-Fans zukommen lassen. Er mag vielleicht nicht ganz so kunstvoll gebunden sein wie die Sträuße, die sie in den zurückliegenden Jahrzehnten von anderen Serien bekommen haben, aber man kann deutlich sehen, wie viel Mühe sich beim Binden gegeben wurde.
Das gilt es zu honorieren, denn wer jede Star-Trek-Serie gleich nach der ersten schlechten Staffel mit sporadischen Sichtungen schwarzer Teerwesen abschreibt, der hat man eine Menge legendärer Folgen verpasst.




Denkwürdige Zitate.

"Die Enterprise wird nie einen Chefingenieur haben der sie mehr liebt."
Christopher Pike

"Das passiert den besten von uns, Linus."
Saru

"Nummer Eins ist ziemlich einfallsreich. Man steht in ihrer Schuld ehe man sich's versieht."
Pike

"Bin ich der einzige der bereit war eine Fremdsprache zu lernen?"
Saru

"Ja! Wieso fliegen, wenn man auch kriechen kann!"
"Doc, Sie kennen mich nicht. Ich bin unkränkbar. Ganz besonders durch Kerle die glauben, sie können ein Schiff mit den Pilzen fliegen, die ich von meiner Pizza pule."
"Sporen sind erneuerbar und sauber!"
"Gibt's ein Hausdresssing dazu?"
"Wissen Sie wie viele Planeten durch den Abbau von Dilizium zerstört werden? Wie viele Kriege geführt wurden um die Versorgung sicherzustellen? Natürlich nicht: Sie gehören zu den Leuten, die das nicht interessiert."
"Und Sie gehören zu den Leuten, die erst – haha! – einen auf witzig und dann plötzlich einen auf beleidigte Leberwurst machen, wenn ihnen nichts mehr einfällt."
Paul Stamets und Denise Reno

"Ha! Wir können auch gleich alles mit Klebeband fixen."
Reno

"Verrückter Traum… Ich hab bei Prince Schlagzeug gespielt. Da waren Tauben und ein Barrett…"
Reno

"Ich stamme von einer Spezies namens JahSepp. Unsere Harmonie wurde gestört als ein Eindringling unregelmäßig bei uns aufgetaucht ist und unser Ökosystem irreparabel geschädigt hat."
"Und jetzt wollen Sie unsere Hilfe um dieses destruktive Wesen loszuwerden?"
"Du bist das destruktive Wesen."
May und Stamets

"Sie müssen mir versprechen, ganz gleich, wie verängstigend oder schmerzhaft es für Sie auch sein mag; versprechen Sie mir, dass Sie Ihre Beziehung mit Spock ins Reine bringen. Wenn wir beide eine solche Beziehung aufbauen können, dann schaffen Sie es auch mit ihm. Bitte…"
Saru

"Auch wenn ich vierundneunzig Sprachen spreche, gibt es Zeiten, in denen Worte nicht ausreichen."
Saru

"Die kelpianische Lebensweise war immer auf den Tod ausgerichtet. Und auf die Rolle der Ba'ul. Mein Volk nennt es 'das große Gleichgewicht'. Es ist unsere zentrale und ordnende Wahrheit."
"Sie haben sie Lügen gestraft…"
"Ja genau. Sie haben mich gefragt, wieso ich nicht zurück nach Hause gehen könnte. Der Grund ist, dass ich Captain Georgiou das Versprechen gegeben habe die Oberste Direktive nicht zu verletzen und mich nicht in das Schicksal meiner Spezies einzumischen. Aber jetzt, da ich weiß, dass das was mein Volk immer für die Wahrheit gehalten hat, nur eine Lüge ist, was bedeutet das für uns? Für meine Spezies? Für meinen Planeten?"
Saru und Burnham

Weiterführende Leseliste.

Staffel 2.

01. Rezension zu: "Brother"
02. Rezension zu "New Eden"
03. Rezension zu "Lichtpunkte"
04. Rezension zu "Der Charonspfennig"
05. Rezension zu "Die Heiligen der Unvollkommenheit"
06. Rezension zu "Donnergrollen"
07. Rezension zu "Licht und Schatten"
08. Rezension zu "Gedächtniskraft"
09. Rezension zu "Projekt Daedalus"
10. Rezension zu "Der rote Engel"
11. Rezension zu "Der Zeitsturm"
12. Rezension zu "Tal der Schatten"
13. Rezension zu "Süße Trauer, Teil I"
14. Rezension zu "Süße Trauer, Teil II"
Staffel 1.

01. Rezension zu "Leuchtfeuer" und "Das Urteil"
03. Rezension zu "Lakaien und Könige"
04. Rezension zu "Sprung"
05. Rezension zu "Wähle Deinen Schmerz"
06. Rezension zu "Lethe"
07. Rezension zu "T=Mudd²"
08. Rezension zu "Si Vis Pacem, Para Bellum"
09. Rezension zu "Algorithmus"
10. Rezension zu "Nur wegen Dir"
11. Rezension zu "Der Wolf im Inneren"
12. Rezension zu "Blindes Verlangen"
13. Rezension zu "Auftakt zum Ende"
14. Rezension zu "Flucht nach vorn"
15. Rezension zu "Nimm meine Hand"

Short Treks.

01. Rezension zu "Runaway"
02. Rezension zu "Calypso"
03. Rezension zu "The Brightest Star"
04. Rezension zu "The Escape Artist"