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Mittwoch, 25. April 2018

Plattenkritik: Turons Senf zum neuen Album der Five Year Mission



Einleitung.

Musik mit Star-Trek-Inhalt wird wohl immer etwas sehr Spezielles bleiben. Freilich fehlt es nicht an einer Fanbasis, die immerhin einen gewissen Mindestabsatz gewährleistet, aber es darf wohl ernsthalft bezweifelt werden, dass die Namen solcher Bands in den Amazon-Download-Charts auftauchen, die entsprechenden Musikvideos es irgendwo ins Musikfernsehen (wenn es das überhaupt noch gibt) schaffen oder ein Rolling-Stone-Schreiberling sich dazu herablässt, derlei Erscheinungen mit einer Rezension zu würdigen.
Umso wichtiger ist es wohl, dass zumindest ein Blog wie dieser hier darauf hinweist, dass die Band Five Year Mission dieser Tage einige ihre Kickstarter-Helfer mit einem Vorab-Download ihres am 27. April 2018 erscheinenden vierten Album belohnte. Und da sich in unserem Kreis längst einige Liebhaber dieser wirklich besonderen Combo gefunden haben, wollen wir an dieser Stelle einmal ein paar Worte zu einem Album verlieren, dass auf anderen Medien wahrscheinlich totgeschwiegen wird.

Inhalt.
Die fünf Jungs von der Band Five Year Mission aus dem überschaubaren Indianapolis blieben auch für ihr mittlerweile viertes Album dem Konzept treu, jede Folge der Star-Trek-Originalserie mit einem eigenen Song zu beehren. Dieses Mal reicht das Spektrum vom Ende der Staffel zwei bis in die dritten Season hinein, so dass die sechszehn englischsprachigen Titel auf die Episoden "Der erste Krieg", "Geist sucht Körper", "Schablonen der Gewalt", "Stein und Staub", "Das Jahr des roten Vogels", "Computer M5", "Brot und Spiele", "Ein Planet, genannt Erde", "Spocks Gehirn", "Die unsichtbare Falle", "Der Obelisk", "Kurs auf Marcus 12", "Die fremde Materie", "Wildwest im Weltraum" und "Das Gleichgewicht der Kräfte" bezogen sind.


Lobenswerte Aspekte.
Wenn man sich die Auswahl der Folgen ansieht, mit denen sich das aktuelle Album befasst, hat man ungefähr eine Vorstellung vom Zeitpunkt, ab dem die erste Star-Trek-Serie über den berüchtigten Hai sprang: Gerade Episoden wie "Das Jahr des roten Vogels", "Kurs auf Marcus 12" oder "Spocks Gehirn" (häufig als eine der schlechtesten Folgen beschrieben) verdeutlichen die kreative Durststrecke, die hier in ein Musikalbum gepresst werden soll. Hinzu kommen fragwürdige Episoden wie der Spin-Off-Versuch "Ein Planet, genannt Erde" oder die lange Zeit in Deutschland nicht ausgestrahlte Weltraum-Nazi-Folge "Schablonen der Gewalt".
Aber abgesehen davon, dass mit "Stein und Staub" („Riecht ganz grün!“), "Computer M5" und "Der erste Krieg" durchaus auch einige denkwürdige Folgen vertreten sind, die geradezu nach einer Hommage schreien, gelingt Five Year Mission auch mit den vermeintlich schwächeren Vorlagen spannende Umsetzungen.
Das liegt in erster Linie am Konzept, die Story aus einem interessanten Blickwickel zu betrachten, einige denkwürdige Dialogzitate stimmig miteinzuweben, schmissige Melodien darunterzulegen und vor allem Star Trek mit einem offenen Fan-Herzen, aber doch nie ohne Augenzwinkern zu betrachten.
Musikalisch liegt das Ganze irgendwo zwischen schrammeligem Rock, eingängigem Pop und sympathischer Garagen-Band, die in ihren Social-Media-Auftritten alles andere als unnahbar wirken. Es ist Musik von Fans für Fans und das merkt man dem Projekt auch noch immer an.
Zudem haben sie noch immer Spaß daran, abseits ihres eigenen unverkennbaren Stils herumzuexperimentieren. So kann man in einigen Songs deutliche Anleihen aus dem Irish Folk ("By Another Name"), Eiscreme-Truck-Musik ("And the Childrem Shall Lead") oder sogar dem HipHop der Beastie Boys ("Day of the Dove") finden, ohne dass es albern wirken würde. Darüber hinaus bleiben sie eigenen Ideen treu, wie sich in "For the World is Hollow and I Have Touched the Sky" zeigt, dass sich musikalisch und textlich an "The Apple" vom zweiten Album anlehnt.
Sofern man der englischen Sprache mächtig ist (oder zumindest die Texte mitliest/ übersetzt) entfaltet sich aber der eigentliche Hochgenuss an diesem (wie aber auch jedem vorangegangenen) Album: Ohne die intellektuelle Keule herauszuholen spielt die Band einfühlsam mit dem Inhalt der einzelnen Folgen.
Das geschieht mal humoristisch und mal nachdenklich.
Sieht man sich davor die entsprechenden Folgen nochmals an, merkt man erst, wie viele kleine Querbezüge innerhalb der Texte stecken und erkennt, dass am Ende so mancher Song hörenswerter als so manche Folge sehenswert ist.

Kritikwürdige Aspekte.
Ich muss schon ziemlich in mich gehen, um wirklich etwas zu meckern zu finden, aber ich kann bestenfalls monieren, dass das Album weniger eingänglich wirkt, als seine Vorgänger. Dieser erste Eindruck relativiert sich aber bereits nach dem zweiten Hören merklich. Freilich sind bislang eher wenig Gassenhauer darauf zu finden, die auf Konzerten zum Mitgrölen einladen, aber zweifelsohne gibt es mit "By Another Name", "Patterns of Force" (Wer hätte das gedacht?) oder "Spectre of the Gun" durchaus einige Titel, die sich in punkto Ohrwurmcharakter nicht vor anderen Songs früherer Alben zu verstecken brauchen.


Lieblingssong des Rezensenten.
Auch wenn "By Another Name", "Bread and Circuses" oder "Is There in Truth no Beauty" mehr als ersthafte Anwärter auf diesen Titel waren, blieb es am Ende ein Song, der auch zu einer meiner Lieblingsfolgen gehört: "The Ultimate Computer".
Den Song hört man aus der Perspektive des Supercomputers M5, der mitunter bedrohlich, bemitleidenswert und arrogant klingt, aber eigentlich zeigen will, was er zu leisten in der Lage ist, wenn man ihm eine Chance gibt. 
Am Ende merkt man schließlich beim Mitnicken, dass ein kleines bisschen M5 in jedem Zuhörer steckt, was Daystroms multitronischem Wunderwerk im Zusammenhang mit der Folge nur noch menschlicher und großartiger erscheinen lässt.


Ausnahmesong.
Neben dem sympathischen Ausbrecher "Day oft he Dove" muss ich an dieser Stelle einen Titel nominieren, der die Bezeichnung 'Song' eigentlich nicht verdient, da in ihm nicht gesungen wird. Stattdessen ist "Spock’s Brain" der 'Mitschnitt' einer Unterhaltung zweier Besatzungsmitglieder der Enterprise in einem Turbolift.
In diesem Gespräch nimmt die Band alles auf die Schippe, was das Fandom bewegt: Das Schicksal von Besatzungsmitgliedern im roten Shirt, die plötzliche Abwesenheit Grace Lee Whitneys nach nur wenigen Folgen oder der schiere inhaltliche Blödsinn einer trashigen Folge wie "Spocks Gehirn". Es ist ein Paradebeispiel wo die Band inhaltlich einzuordnen ist: Als Experten nicht nur für den Kanon, sondern auch für dessen popkulturelle Nebenwirkungen. Und weil das allein zwar nett, aber längst nicht abendfüllend ist, mischen sie eine angenehme Portion Humor in diesem Mix, den man eigentlich allen Fans im Umgang mit der von ihnen so verehrten Franchise wünscht.

Fazit.
Wer diese Seite schon etwas länger kennt, der weiß vielleicht, wie sparsam ich mit Bestnoten bin. Aber Five Year Mission haben mit ihrem ganz eigenwilligen 'Soundtrack' zur Originalserie ein Meisterstück geschaffen, das in dem vierten Album eine nahtlose Fortsetzung findet. Unter den vielen Sammlerstücken, die es zum Thema Star Trek gibt, ist dieses Projekt viel mehr wert als die beachtenswerten, aber am Ende eigentlich sogar noch viel zu niedrigen 9653 $, die am Ende bei Kickstarter zusammengekommen sind. Im Austausch für schnöden Mammon erhält man nämlich mit den Alben der Jungs aus Indianapolis eine Bereicherung für die längst zu Ende erzählt geglaubten Folgen der Originalserie, zu der man auch noch inbrünstig mitsingen kann.

Bewertung.
Außergewöhnliches Kleinod nicht nur für Hardcorefans.





Schluss
.
Da nur noch ein Album der Band erscheinen wird, ist es an der Zeit, die Musik der Five Year Mission endlich in einem breiteren Rahmen zu würdigen. Sie sollten im Star Trek Radio gespielt werden, auf Nerd-Partys in die Playliste der DJs kopiert werden oder von Sendern wie Tele 5 zur Untermalung ihrer Trailer eingesetzt werden. Vor allem aber ist es überfällig, dass Five Year Mission einmal die Chance erhalten, auch auf außeramerikanischen Conventions wie der FedCon oder der Destination vor dem europäischen Publikum aufzutreten.
Verdient hätten es jene Bandmitglieder auf jeden Fall, die mit ihrer genialen Musikidee die angestaubte Originalserie um eine weitere, spannende Facette bereichert haben.

Bonus.
Gerade eben hat Five Year Mission ihr Video zu meinem Favoriten-Titel "The Ultimate Computer" veröffentlicht, dass ich dem Leser an dieser Stelle natürlich nicht vorenthalten möchte.

Mittwoch, 14. Februar 2018

Turons Senf zur fünfzehnten Folge Discovery


Spoilerwarnung.

Dieser Artikel enthält massive Spoiler zum Inhalt der fünfzehnten Discovery-Folge "Nimm meine Hand" und sollte nur gelesen werden, wenn man die Episode und sämtliche vorangegangenen bereits gesehen hat.


I. Einleitung.
Star Trek ist endlich wieder dahin zurückgekehrt, wo es hin gehört: Auf den Fernsehschirm.
So oder so ähnlich konnte man es im Vorfeld allenthalben lesen, denn nach den umstrittenen Kinofilmen unter J.J. Abrams sehnten nicht wenige Fans die Zeiten herbei, als Star Trek noch das Fernsehen revolutionierte.
Und die Vorzeichen stehen gut:
Der Neuanfang bei einem Streaming-Dienst erinnert an den Syndication-Vertrieb von TNG.
Discovery orientiert sich an den Standards moderner TV-Serien.
Ein Mix aus neuen und alten Produzenten scheint eine gewisse Ausgewogenheit zu garantieren.
Ein abschließendes Urteil kann man aber erst nach der letzten Folge fällen – die just dieser Tage bei Netflix anlief…


II. Story.
Auf dem Weg zum Heimatplaneten der Klingonen schwant Burnham schreckliches:
Hinter der Übernahme des Captains-Stuhls durch die Spiegeluniversums-Entsprechung von Philippa Georgiou steckt mehr als nur eine simple Kartierungsmission für einen präventiven Militärschlag. Georgiou ist willens, die Drecksarbeit für die angsterfüllten Sternenflottenkommandeure zu erledigen und durch einen Genozid an den Klingonen das Kräfteverhältnis im Beta-Quadranten dauerhaft zugunsten der Sternenflotte zu verändern.
In den zerklüfteten Vulkanschloten auf Qo'noS kommt es so zu Showdown zwischen einer Michael Burnham, die ihren Glauben an die Prinzipien der Sternenflotte zurückgefunden hat und einer Imperatorin, die keinerlei Skrupel hat, ganze Zivilisationen für ihre Auslegung von Stärke auszulöschen…


III. Lobenswerte Aspekte.

Kanonfutter.
Meine Güte, da hat es aber jemand gut gemeint.
So viele Premieren!
Die erste Landung eines Föderationsschiffes innerhalb der klingonischen Heimatwelt!
Die erste Urinalszene der Franchise!
Und die erste Andeutung eines absolut nicht jugendfreien Dreiers!
Aber es gibt noch mehr!
Die klingonische Sprache erhält auf den letzten paar Metern noch einmal eine ordentliche Vokabel-Transfusion, das TOS-Urgestein Clint Howard (Balok) bekommt einen kleineren Gastauftritt und der Serie wird eine quantitativ nie erlebte Fülle an Kanon-Referenzen zuteil:


Molor, Betazoiden, Mintaka III, Ceti-Alpha-Aale, Tranya, Trills, klingonische Transportereffekte, Paris, das andorianische Symbol, die dreieckigen Sternenflottenverdienstabzeichen, eine Kameraeinstellung, die eindeutig an den Star-Trek-Pilotfilm "Der Käfig" anspielte, ein TOS-Abspann und noch einiges mehr.
Bei aller Freude hinterlässt dieser wahre Goldregen an Bauchpinseleien für den wissenden Alt-Fan aber auch einen gewissen bitteren Beigeschmack.
Warum etwa hat man den Kanon, der ohnehin in den letzten paar Episoden massiv überspannt wurde, innerhalb der letzten sechs oder sieben Folgen am langen Arm verhungern lassen?
Gerade im Hinblick auf die letzte Szene von "Nimm meine Hand", in der die Discovery der heiligen Kuh der Trekkies (der buchstabenlosen USS Enterprise) vor die Nase gesetzt wird, kommt ein wenig der Verdacht reinen Fanservices auf.
Dabei ist die Situation nicht unspannend: Sarek und Burnham stehen dem Schiff gegenüber, auf dem ihr Anverwandter seinen Dienst verrichtet. Das riecht förmlich nach Konflikt, Abenteuer und griechischer Tragödie!
Aber Discovery hat den Zuschauer bislang ein paar Mal zu oft mit vermeintlichen Cliffhangern gefoppt und es darf immerhin als schwierig gewertet werden, ob es den Produzenten am Ende glückt, angemessene Schauspieler zu verpflichten (oder zu bezahlen), denen es gelingen kann, die großen Fußstapfen von Star-Trek-Legenden wie Pike, Spock oder Nummer Eins auszufüllen.
Der Ball liegt jedoch immerhin in der Hälfte der Discovery-Verantwortlichen. Es dürfte spannend werden zu sehen, was aus der Vorlage am Ende tatsächlich herausspringt…


Charaktermomente.
Es war abzusehen, dass die letzte Folge einen starken Fokus auf Burnham aufweisen würde.
Sonequa Martin-Green nutzt ihre Omnipräsenz für mehrere Ausrufezeichen, indem sie zum Beispiel eine Lernkurve Burnhams aufzeigt, die Biografie ihrer Figur erweitert, und vor allem die Föderation davor bewahrt, ihre Unschuld zu verlieren.
Insbesondere dieser Kampf um die Prinzipien der Föderation, der zwischen Genie (die Unterredung mit Admiral Cornwell an Bord der Discovery) und Pathos (Burnhams Rede auf der Erde) gratwandelt, wird zum großen Teil erfolgreich auf ihren Schultern ausgetragen. Am Ende gelingt es ihr größtenteils, eine denkwürdige Performance zu liefern, vor allem, wenn sie mit anderen Schauspielern im Dialog tritt: So reißt sie vor allem mit, wenn sie zusammen mit Sylvia Tilly, Admiral Cornwall, Sarek, Amanda Grayson oder L'Rell vor der Kamera steht. Selbst ihr Austausch mit Ash Tyler hat längst nicht mehr den Fremdschämfaktor wie in der vorherigen Folge.


Kurz hinter ihr rangiert fraglos Sylvia Tilly, deren Rolle zwar viel Menschlichkeit und Wärme transportiert, aber im gleichen Atemzug auch immer wieder als Ventil für mehr oder weniger komödiantische Einlagen herhalten muss.
Viel zu wenig Raum erhalten wichtige Personen wie Sarek, Amanda Grayson, Saru, Paul Stamets oder Cornwell, bei deren Auftritten kaum Zählbares herausspringt. Sicherlich bieten sie Unterhaltung auf hohen Niveau, aber bei der Dominanz, die Burnham einnimmt, bleibt ihnen kaum noch nennenswerte Momente übrig, um eigenständige Duftnoten zu hinterlassen. Das zeigt sich auf tragische Weise am besten wohl an Saru, dem nach seinen außergewöhnlichen Leistungen die Captainswürde verwehrt bleibt, nur um mit einer billigen Blechmedaille abgespeist zu werden, die angeblich nie zuvor einem Kelpianer an die Brust geheftet wurde.


Immerhin gelingt es Shazad Latif als Ash Tyler wieder in ruhigeres Fahrtwasser zu gelangen und seine zerrissene Figur mit einer stillen Erhabenheit auszufüllen, die zwar im Kontrast zu seinen vorherigen Auftritten steht, aber immerhin als Selbstreifungsprozess gewertet werden kann. Schade eigentlich, dass dieser nunmehr spannende Charakter auf Qo'noS verbleiben musste.
Selbst L'Rell waren einige Momente im Licht vergönnt. Allerdings ergaben sich aus ihren Auftritten mehrere Unstimmigkeiten, auf die wir später noch einmal genauer eingehen werden.
Die große Enttäuschung hingegen war in meinen Augen die Imperatorin Philippa Georgiou. Auch wenn sie viel von Essen redet, hat sie doch deutlich an Biss eingebüßt und ist zu einem flachen Charakter ohne nennenswerte Szenen mutiert. Von der vielschichtigen, skrupellosen und unausrechenbaren Frau, die sie vor allem im Spiegeluniversum gewesen ist, bleibt in "Nimm meine Hand" jedenfalls nicht mehr viel übrig.


Moralität.
Das große Staffelfinale spielt gleich mit mehreren Themen.
Zum Beispiel mit der Liebe zum Feind, die sich an Burnhams Beziehungen zu Georgiou oder Tyler zeigt.
Oder dem großen Thema der unterschiedlichen Wahrnehmung von Identitäten, dem sich Burnham genauso stellen muss wie L’Rell, Killy-Tilly oder eben Ash Tyler. Allerdings wird dieses Motiv mit dem überhasteten Abschied Tylers gegen Ende der Folge ein wenig ad Absurdum geführt, denn ich hatte doch arge Schwierigkeiten, jenen Ash Tyler bei den Klingonen Asyl finden zu sehen, der sich zuvor so verzweifelt an Michael Burnham  und sein Menschsein geklammert hat.
Aus diesem Grund deklariere ich an dieser Stelle ein anderes, viel offensichtlicheres Thema zum zentralen Aspekt der Folge, das zwar wenig subtil daherkommt, aber von essentieller Bedeutung für die Philisophie Star Treks ist:
Die Weigerung der vereinten Discovery-Crew, die Sternenflottenprinzipien für die Aussicht auf dauerhaften Frieden über Bord zu werfen, markiert nach langer Hungerphase einen passenden Tusch zum Ausklang der ersten Staffel, der nicht nur eherne Traditionslinien neu beschwört, sondern auch als hoffnungsvolles Versprechen an die zweite Staffel gewertet werden dürfte.



IV. Kritikwürdige Aspekte.

Stilbruch.
Friede! Freude! Und Eierkuchen!
Zumindest eine Menge Essen und Anspielungen darum.
Nach dem rasanten Tempo, dass vor allem die letzten paar Folgen vorgelegt haben, kann man dem heißersehnten Finale vor allem eines zubilligen:
Es war lahm.
Die Erzählgeschwindigkeit war ein absoluter Bruch mit vorangegangenen Episoden. Traurigerweise hätte eine Raumschlacht, eine Verfolgungsjagd per Shuttle oder wenigstens ein Feuergefecht "Nimm meine Hand" gut getan!
Stattdessen muss Georgiou (aus welchem Grund auch immer) schon ihre kooperativen Bettgefährten vermöbeln, um die einzig nennenswerte Kampfszene der gesamten Episode zu fabrizieren (das Vermöbeln einer gefesselten Gefangenen mag ich nicht ernsthaft ins Feld führen wollen). Ein wirkliches Bedrohungsgefühl will nach den emotionalen Achterbahnfahrten der zurückliegenden Wochen nicht mehr so recht aufkommen.
"Nimm meine Hand" fällt so im Vergleich völlig aus dem Rahmen. Statt einer cleveren Entwicklung, die den Zuschauer Schlag auf Schlag trifft und in seinen Bann zieht, werden wir mit einer recht hanebüchenen Alternativ-Lösung vertröstet, die wohl niemanden ernsthaft vom Hocker gehauen haben dürfte.


Zudem verliert die Serie ihren Mut. Nachdem sie sich im Vorfeld nicht scheute, Charaktere wie Georgiou, Culber, Lorca oder Landry ohne mit der Wimper zu zucken auszuradieren, wird sie am Ende erstaunlich handzahm und entlässt zum Abschied plötzlich alle Beteiligten, ohne den sonst üblichen Blutzoll zu erheben. Dieser Widerspruch einer Serie, die sich zu Beginn damit rühmte, Star Trek mit "Game of Thrones" zu kreuzen, lässt am Ende eher an die Glaubwürdigkeit von Wahlversprechen denken, als an jenes moderne Fernsehen, das hier ursprünglich geboten werden sollte.
Nun könnte man natürlich ins Feld führen, dass nur eine Staffel geplant gewesen sei. Aber im Hinblick darauf, dass mit L'Rell, Ash Tyler und der Spiegeluniversums-Variante von Philippa Georgiou gleich drei zentrale Charaktere darauf lauern dürften, in potentiell kommenden Staffeln wieder aus dem Alt-Figuren-Container gekramt zu werden, wirkt das eher wie ein Rückfall in längst vergessen geglaubte Fernsehmuster.


Kanonbrüche und Logiklöcher.
Manche Widersprüche sind so alt wie Star Trek selbst.
Zum Beispiel das rote Klingonenblut, das bei Lichte besehen eigentlich nur im sechsten Kinofilm eine andere Farbe erhielt, um eine günstigere Altersfreigabe zu erreichen.
Ich will auch gar nicht darauf herumreiten, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass man sich auf Qo'noS ausgerechnet Ceti-Alpha-Aale frittieren lassen kann.
Mich stören jene Fehler, die verhindern, dass man die Serie ernstnehmen kann.
Nachdem wir bereits in der letzten Rezension festhalten konnten, dass Berichte vom vermeintlichen Ableben der Föderation arg übertrieben waren, stellt sich auch dieses Mal die Frage, wie zum Teufel die Klingonen bitteschön kurz davor stehen können, gleich die gesamte Föderation auszulöschen?


Gerade der Blick auf die klingonische Armada aus sieben popeligen Schiffen (!) ließ doch arge Zweifel darüber aufkommen, dass dies der gefürchtete Sammelangriff der Klingonen gegen die Heimatplanet der Menschen sein sollte. Dass das gar in irgendeiner Form einen Völkermord in angedachter Größenordnung rechtfertigen mag, bleibt in Anbetracht der bislang erwähnten Tatsachen doch recht bemüht.
Zudem hätte es eine einfachere Möglichkeit gegeben, Georgiou nach Qo'noS zu schicken: 
Bei der Vorstellung der Sporen-Apparatur in "Lakaien und Könige" hat Lorca Burnham nämlich gezeigt, dass man sich mithilfe des Myzel-Netzwerkes problemlos auf verschiedene Welten wie Amerind, die Sternenbasis 11 oder Janus VI begeben kann. Die ganze Discovery zu schicken war ein unnötiges Risiko – insbesondere wenn man vom Wert des Schiffes für die Erdverteidigung und von der Verzichtbarkeit Georgious ausgeht.
Ansonsten gab es noch die ein oder andere kleinere Unstimmigkeit, von denen ich vor allem eine erwähnen will:
Sylvia Tilly bringt tatsächlich die Zeit auf, sich vor der Landung auf der klingonischen Heimatwelt die Haare zu glätten.
War dies ein rein praktischer Vorgang?
Waren das Sternenflottenregularien?
Oder hat sie sich der unsichere Fähnrich tatsächlich die Kritik der Imperatorin so sehr zu Herzen genommen? 


Ungelöste Rätsel.
Zwar ist die erste Staffel Discovery vorbei, aber das bedeuten keineswegs, dass sie die vielen Fragen, die sie in ihrer kurzen Ausstrahlungshistorie aufgeworfen hat, auch beantwortet hätte.
So wissen wir zwar, dass der Sporenantrieb ein Irrweg sein muss, weil er in den chronologisch folgenden Ären der Originalserie, dem nächsten Jahrhundert oder Voyager (wo dieses Stück Technologie äußerst praktisch gewesen wäre) mit keiner Silbe mehr erwähnt wird.
Doch wer sich dahingehend klare Verhältnisse gewünscht hat, dürfte enttäuscht worden sein.
Auch für das abweichende Äußere der Klingonen wurde nicht einmal ansatzweise eine Erklärung gegeben.
Oder der völlig abweichenden Raumschiff-Optik.
Oder den Uniformen, die laut "Der Käfig" völlig anders aussehen müssten.
Hätte der Sieg über die Klingonen nicht einen idealen Zeitpunkt geboten, die Sternenflotte mit optimistischeren Uniformfarben auszustatten?
Und was ist mit den schwarzen Sternenflottenabzeichen, die wir zu Beginn an Bord der Discovery gesehen haben? Waren sie nur ein roter Hering, um die Zuschauer vorsätzlich in die Irre zu führen?
Dabei ist das alles nur die Spitze des Eisbergs.
Wir wissen weder, warum denn nun Tyler und Voq so aufwändig zusammengemixt wurden, was mit dem originalen Lorca geschah oder ob Sarus Heimatplanet Mitglied der Föderation ist.
Discovery hinterlässt mehr Fragen als Antworten und es darf bezweifelt werden, dass sich an diesem Zustand etwas ändert, wenn die zweite Staffel ausgestrahlt werden wird.


Abramstrek im Seriengewand.
Vielleicht bin ich ja der einzige, der am Ende an den ersten Abrams-Kinofilm "Star Trek" (2009) denken musste. Aber die wilde Flut an Beförderungen, Auszeichnungen und Wieder-Indienststellungen hat mich doch sehr an die letzten paar Minuten jenes Werkes erinnert. Auch dort steht Kirk auf Erden vor einer jubelnden Menge, empfängt sowohl seine Absolution, als auch seine Beförderung, nur um von einem an der Originalserie orientierten Abspann abgelöst zu werden.
Wie die Abrams-Interpretation auch verneint Discovery viele liebgewonnenen Star-Trek-Traditionen zugunsten einer eigenen Design-Sprache. Nicht nur, dass man den Klingonen in "Nimm meine Hand" die Rückkehr zu ihrem traditionellen Aussehen verwehrte – die Orioner erfuhren eine ähnliche optische Neuausrichtung (immerhin blieben sie von roten Haaren verschont).
Hinzu kommt, dass selbst die an sich aus dem Original-Universum entliehene USS Enterprise nicht nur zu Soundeffekten durch das geräuschlose All schwebt, die aus den Abrams-Filmen entliehen sind, sondern auch von den scheinbar unverzichtbaren Lensflares umschwirrt wird.
Eine weitere Parallele scheint zu sein, dass die Produzenten den ein oder anderen zentralen Grundgedanken Star Treks scheinbar nicht verstanden haben:
Die Machtübernahme eines klingonischen Kanzlers auf eine so unehrenhafte, im Prinzip auf reine Erpressung basierende Weise bildet so ziemlich das Gegenteil des klingonischen Ehrbegriffs. So sehr sie auch als Nemesis und Gegenentwurf zur Föderation dienen können, sind sie mitnichten eine plumpe, stumpfsinnige und wilde Rasse, die lediglich "auf Stärke reagiert". Die Akzeptanz der ungleich vielschichtigeren klingonischen Kultur und die gelebte Toleranz, die damit auf Seiten der weiterentwickelten Menschheit einhergeht, vermisse ich für meinen Geschmack zu häufig.



V. Übersetzung.
Es ist nicht immer einfach, die englische Sprache verlustfrei ins Deutsche zu übertragen (wie man etwa am Titel der Folge sehen kann).
So sind auch die Anspielungen um Sarus Zähigkeit im englischen Original ("tough") ungleich cleverer.
Doch abgesehen vom einer oder anderen Mal, zu dem ich Duzen und Siezen etwas fragwürdig angewendet fand, tut die deutsche Übersetzung ihr Möglichstes, um dem hiesigen Zuschauer die Dialoge zugänglich zu machen.
Das mag sich wenig anhören, aber es ist ein Privileg, dass man im Zweifelsfall auch mal die Tonspur wechseln kann, wenn man nur Bahnhof versteht.


VI. Fazit.
Das große Discovery-Finale will eine Brücke schlagen: Es führt Burnham und die Crew der Discovery wieder zurück in den Schoß der Sternenflotte, lässt die Ideale und Werte der Föderation hochleben und füttert den Zuschauer mit vielen schmackhaften Kanon-Happen, die in einer Sichtung der altehrwürdigen Enterprise gipfeln.
Aber der große Schlussakkord klingt schief, denn er bildet in puncto Handlung, Erzähltempo und auch Erzählrahmen einen zu krassen Bruch mit den vorherigen Episoden. Er vermag es nicht, ein Ausrufezeichen zu setzen, dass der ein oder anderen vorherigen Episode gleichkommen würde. Stattdessen gibt es sich am Ende als Statement für eine Star-Trek-Lesart zu erkennen, die nicht ganz zu Unrecht auf Ablehnung bei vielen Fans stößt.

Bewertung.
Finale ohne Würze.






VII. Schluss.
Es ist Discovery zugute zu halten, dass die Serie ein eigenes Profil gesucht und gefunden hat.
Aber nicht immer hat sie es verstanden, die Stärken Star Treks auf dem Fernsehbildschirm auszuschöpfen. Statt einen eigenen Weg zu suchen, hat sie bislang vor allem versucht, den Richtungsvorgaben J.J. Abrams' zu genügen und dem umstrittenen Motto "Not Your Father’s Star Trek" zu genügen.
Aber es ist abzusehen, dass das allein nicht ausreichen wird. Die erste Staffel hat ohne Frage eine Menge Aufmerksamkeit auf sich ziehen können und vermocht, dass Star-Trek-Fans jeglicher Coleur zusammenfinden, um darüber zu reden, zu streiten oder zu schimpfen.
Für den (Neu-)Start war das tatsächlich mehr, als man erwarten konnte.
Doch mit dem Auftauchen der USS Enterprise wird sich Discovery in Zukunft beweisen müssen:
Die Produzenten haben einen Geist beschworen, hinter dem mehr steckt als eine actiongetriebene Raumschlacht-Science-Fiction. Von nun an wird man sich nicht mehr hinter schießwütigen Spiegeluniversumsflüchtlingen verstecken können, sondern muss eine Geschichte liefern, die gleichzeitig höheren inhaltlichen Maßstäben genügt, als auch neue Zuschauerschichten bei der Stange hält. 
Ob die Serie das schafft und sich dann wirklich an seinen Vorgängern messen lassen kann, wird sich daher wohl erst im nächsten Jahr zeigen….


Denkwürdige Zitate.

"Was ist los; haben Sie Angst, Nummer Eins? Da wo ich herkomme, gibt es ein Sprichwort: Verängstigter Kelpianer bedeutet zäher Kelpianer. Sind sie zäh geworden, seitdem wir zusammen auf der Shenzhou gedient haben, Mr. Saru?"
Philippa Georgiou (aus dem Spiegeluniversum)

"Sie? Wie das? Unser Gebieter hat ihr Herz durchbohrt! Haus T’Kuvma hat sich an ihrem Fleisch gelabt!"
"Sie reden von der anderen Philippa Georgiou."
"Wie auch immer; Ihnen fehlt es jedenfalls an Würze…"
L’Rell und Georgiou

"Das ist ein Palstek. Der geht nicht auf und rutscht nicht weg. Den hab ich als Kind gelernt. Er hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Er verbindet mich mit meiner Vergangenheit."
Ash Tyler

"Es konnte ja auch nicht Euer ganzes Universum langweilig sein…"
Georgiou im orionischen Strip-Club

"Oh Scheiße, das ist gar keine Drohne!"
Sylvia Tilly

"Durchaus. Aber eine Frage bleibt: Wieso haben Sie die Mission klammheimlich in die Hände eines Terraners gelegt? Weil wir so niemals vorgehen würden."
"Das wird sich bald ändern. Wir können uns den Luxus von Prinzipien nicht leisten."
"Sie sind alles, was wir noch haben, Admiral! Vor einem Jahr dachte ich auch noch, dass unser Überleben wichtiger war, als unsere Prinzipien. Ich habe mich geirrt. Ist heute wieder eine Meuterei nötig um zweifelsfrei zu beweisen, wer wir sind?"
Michael Burnham und Admiral Cornwell



Mittwoch, 7. Februar 2018

Turons Senf zur vierzehnten Folge Discovery




Spoilerwarnung.

Diese Rezension enthält massive Spoiler auf die vierzehnte Discovery-Folge "Flucht nach vorn" und sollte nur dann gelesen werden, wenn man diese und die vorangegangen Episoden bereits gesehen hat.


I. Einleitung.
Dieses Mal will ich es ganz bewusst aus der Rezension ausklammern:
Die Serie Discovery ist das Produkt einer sorgfältigen Arbeit.
Auch dieses Mal gibt es außergewöhnliche Ansichten, beeindruckende Szenenbilder und einen fesselnden Soundtrack. Es ist eben State-of-the-Arts, was da präsentiert wird, wobei nur selten traditionelle Stilmittel bemüht werden, die vor J.J. Abrams Star Trek ausgemacht haben.
Dahingehend betritt Discovery definitiv Neuland und hebt sich von seinen Geschwistern deutlich ab. Sie markiert einen spürbaren Neuanfang, den sie optisch, erzählerisch und auch inhaltlich vertritt.


II. Story.
Zurück im Heimatuniversum werden Captain Saru und seine tollkühne Crew mit den Auswirkungen des Krieges gegen die Klingonen konfrontiert, als Admiral Katrina Cornwell die Discovery übernimmt. Stück für Stück wird allen Beteiligten klar, dass ein Sieg gegen die Klingonen nur dann möglich ist, wenn man das Kampfgeschehen von der Erde zurück zur Heimatwelt der Kriegerkultur bringt.
Schlüssel zum Erfolg ist ein Plan, den Michael Burnham nach einem Gespräch mit der Imperatorin des Spiegeluniversums ausheckt. Doch ihr Plan hat einige Schwachstellen. Zum einen müssen die Admirale der Sternenflotte davon überzeugt werden und zum anderen benötigt die Discovery zur Ausführungen dringend neue Pilzsporen, um den Myzel-Antrieb nutzen zu können. Und als wäre das noch nicht genug, verfolgt auch die Imperatorin mit diesem Plan ganz eigene Ambitionen…


III. Lobenswerte Aspekte.

Charaktermomente.
Auch wenn man vieles an Discovery bemängeln kann, kommt man nicht umhin seine Darsteller zu loben.
In dieser Folge hat sich in meinen Augen insbesondere der Brite James Frain als Sarek hervorgetan – mal ganz abgesehen davon, ob sein Auftauchen ausgerechnet als Handlanger der später so sehr von ihm verachteten Sternenflotte jetzt unbedingt notwendig war.
Aber Frains Darstellung ist über jeden Zweifel an ihrer Sinnhaftigkeit erhaben, denn der Schauspieler kleidet seine mit einem dunklen und tiefsinnigen Humor ausgestattete Figur gleichermaßen mit einem stoischen Ernst, als auch einem unsichtbaren Lächeln im Gesicht. Hinzu kommt in dieser Episode ein wahrlich düsterer Anstrich, als Sarek beginnt, Fragen mit Gegenfragen auszuweichen, seine Ziehtochter in puncto Mittelwahl zu hintergehen und Opfer einer vermeintlichen Logik zu werden, die zwar nicht unvulkanisch, aber dafür extrem unmoralisch ausfallen dürfte. Es mutet beinahe ein wenig danach an, als würde er in die Fußstapfen Lorcas treten oder sich zumindest von einer ähnlich drastisch argumentierenden Person blenden lassen.
Das perfekte Gegenstück zu diesem Charakter bildet Sylvia Tilly.
Mal ganz ehrlich: Tilly ist nicht perfekt. Weder ist sie so gertenschlank wie Hollywood es vorgibt, noch ist ihr Charakter ein Muster menschlichen Edelmutes. Stattdessen sabbert sie im Schlaf, redet eindeutig zu viel und bedient sich einer wenig feinen Ausdrucksweise.
Und dennoch kommt immer wieder ihr die Aufgabe zu, den  Zuschauer an das Beste im Menschen zu erinnern. Mit ihrem naiven Optimismus oder ihrer optimistischen Naivität bildet sie einen Anker aus Anstand und Moral für Burnham, Stamets und eigentlich jeden, der die Serie sieht.
Der große Verdienst Paul Stamets' in dieser Folge war es hingegen, wieder so etwas wie ein Stück Forschergeist in die Serie gebracht zu haben, nachdem der allgemeine Fokus viel zu lange nur auf Krieg, Mord und Totschlag gelegen hat. Seine Szenen zur Genesis-artigen Pilzneuzüchtung fühlten sich wie eine Oase in einer lebensfeindlichen Sandwüste an, die weit mehr Anklänge an den ursprünglichen Star-Trek-Gedanken boten als der Großteil der restlichen Einstellungen.


Und auch wenn der Kelpianer Saru sich kommandotechnisch wieder zurücknehmen musste, blieb auch er jemand, der mittlerweile in das Amt eines Captains hineingewachsen ist und sowohl die taktischen, moralischen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten zeigt, die für den Platz auf der Mitte der Brücke notwendig sind. Wenn ich allerdings seine Gefahrenganglien in Erscheinung treten sehe, frage ich mich von jetzt an stets, wie sie wohl schmecken würden…
Ash Tylers Auftritte waren von Licht und Schatten begleitet. Strahlen konnte er vor allem, wenn ihm eine der edelsten menschlichen Emotionen zuteilwurde: Vergebung.
Einige der großartigsten Szenen der gesamten Folgen, nämlich seine Begegnung mit Stamets und jene mit seinen Crew-Kameraden in der Messe zeigten deutlich die Nuancen, die dieser Begriff bietet.
Doch auch die mit Abstand fürchterlichste Szene der Folge geht auf sein Konto. Seine Begegnung und Aussprache mit Burnham hatte so schmerzhaft fremdschämenswerte Seifenopernzüge, dass man sich selbst als Zuschauer lieber ins luftleere Vakuum des Alls als in diesen Raum gewünscht hatte. Manchmal kam außerdem der Gedanke auf, dass Shazad Latif nur wegen seiner erstaunlichen Fähigkeiten zum Dackelblick mit dieser Rolle betraut wurde. So blieb sein Auftritt zwischen Genie und Wahnsinn und hinterließ trotz einiger Hochmomente am Ende einen sehr faden Beigeschmack.


Und damit will ich noch nicht einmal sagen, dass ich Burnhams Motivation, Tyler aus dem Wege zu gehen, nicht nachvollziehen kann. Ihr vermeintlicher Abschied von Tyler verwischt aber jegliche Spur verständlicher Motivation, um irgendwo zwischen Rosamunde Pilcher und Roland Kaiser Schiffbruch zu erleiden.
Geärgert hat mich zudem, dass sie sich schon wieder als Spielball fremder Interessen einspannen lässt, vor allem, weil sie schon wieder nicht in der Lage ist, ihre persönlichen Gefühle unter Kontrolle zu halten. Es ist ein wenig so, als wäre sie gerade mit dem Kopf gegen die Wand gelaufen nur um aufzustehen und das gleiche noch einmal zu tun.
Widersprechen muss ich bei aller Kritik an ihrer Figurenmotiviation allerdings, wenn mal wieder Reue als vermeintliches Übel ins Feld geführt wird. So kurz vor Ende wage ich an dieser Stelle einmal die Prognose, dass genau dieser Aspekt ihrer Menschlichkeit nicht nur zu ihrer großen Stärke werden wird, sondern am Ende (also in der nächsten Episode) wohl den Tag retten dürfte.
Ihr Spiegeluniversums-Entführungsopfer Philippa Georgiou hatte ungleich weniger Raum und verwandelte sich von einem vergleichsweise vielschichtigen Charakter in der letzten Folge zurück in den typischen Spiegeluniversumsbewohner, um – kaum verschleiert – die Position Lorcas an Bord der Discovery neu zu besetzen.


Ein Totalausfall in meinen Augen bildete aber erst Admiral Katrina Cornwell. In einem Anflug wirren Wahns schießt sie auf wehrlose Glückskekse, verliert mitten in einer Gefahrensituation die Kontrolle über sich sowie das ihr anvertraute Schiff und lässt immer wieder wehrkraftzersetzende Äußerungen fallen.
Am Ende fragt man sich, ob sie es in irgendeiner Form besser als jener Lorca macht, dem sie ähnliche Verhaltensweisen vorgehalten hatte. Zudem ist nicht unbedingt klar, warum ausgerechnet sie derlei Reaktionen zeigt, da sie vertrauter mit dem aktuellen Krieg ist als jeder andere an Bord, dem man entsprechende Reaktionen vielleicht noch nachgesehen hätte.
Für die übrigen Schauspieler wie L'Rell oder Doktor Pollard gab es nur wenig Platz zu Entfaltung. Immerhin kann man die vermehrte Zeit, die die Kamera Nebenrollen wie Detmer, Airiam oder Bryce gönnte, als positives Zeichen für die kommende zweite Staffel deuten.


Der Krieg als Metapher.
Noch in der letzten Woche habe ich an dieser Stelle kritisiert, dass es Discovery nicht vermochte, tagesaktuelle Geschehnisse in adäquater Science-Fiction-Manier auf den Bildschirm zu transportieren. Diesen Vorwurf muss ich nunmehr zurücknehmen, denn den Drehbuchautoren ist eine glänzende Metapher auf asymmetrische Kriegsführung gelungen, ohne mit der Moralkeule wild um sich zu schlagen.
Sarek formulierte es wiefolgt:

"Durch die Abwesenheit eines Anführers haben die klingonischen Häuser sich wieder entzweit. Zu Beginn des Krieges haben wir gegen einen Feind gekämpft; jetzt bekämpfen wir vierundzwanzig. Sie liegen untereinander im Streit infolge ihrer unbeherrschten und kampflustigen Natur, aber trotz allem verbindet sie ein gemeinsames Ziel: Sie wetteifern um die Vorherrschaft indem jedes Haus versucht, die meisten Föderationsziele zu zerstören. Wir sind Kanonenfutter in ihrer feudalen Auseinandersetzung. Unsere Toten sind ihre Beute."

Dieses Dilemma zwingt uns eine spannende Frage auf:
Was macht eine Gesellschaft, die zwar bereit ist, im Angriffsfall militärisch zu antworten, aber einer Kriegsform gegenübersteht, gegen die sie kaum etwas auszurichten vermag?
Die gleiche Hilflosigkeit, mit der westliche Demokratien dem islamistischen Terror begegnen, zeigt sich hier an der Föderation. Der Gegner verhält sich traditionellen Vorstellungen der Taktik gegenüber unlogisch, stellt nicht einmal Forderungen und am Ende droht er einer utopischen, toleranten und fortschrittlichen Zivilisation den Garaus zu machen. Das ist deutlich subtiler als die Xindi-Sonde, die ausgerechnet die USA angreift, auch wenn man bei der Ansicht des klingonischen Heimatplaneten deutliche Zentren des islamischen Terrors (vor allem aus amerikanischer Sicht) wie die Küstenlinie von Marokko bis Ägypten und den Persischen Golf für meinen Geschmack etwas zu deutlich ausmachen kann.
Der einzige Schatten an dieser tollen Metapher ist die plumpe – sehr amerikanische – Lösung für das Problem (hier aus der Perspektive der Imperatorin):

"In meiner Welt ist Qo'noS kaum mehr als ein verkohlter Haufen Asche im All."

Der Ansatz, mit genügend Bomben auf ein konkretes Ziel den Konflikt auszulöschen, ist in der internationalen Politik mittlerweile als Irrweg erkannt worden und es besteht die – wohl mehr als berechtigte Hoffnung, dass Burnham und die Crew der Discovery einen anderen Weg finden wird, als dem geheimnisvollen Plan der Imperatorin zu folgen. Denn bislang scheint die Sternenflotte die Missetaten Burnhams noch einmal übertrumpfen zu wollen und hat offensichtlich nichts aus ihrem blinden Glauben an Lorca gelernt – eine weitere offensichtliche wie traurige Parallele an die Erfahrungen mit asymmetrischer Kriegsführung in unserer Zeit.



IV. Kritikwürdige Aspekte.

Die totale Verunsicherung.
Diescovery ist Fake News.
Sie füttert uns gezielt mit Falschinformationen, tritt gezielt mit punktuellen Bemerkungen in die Tränendrüse und hält somit das Gewissen eines jeden Zuschauers in Geiselhalft.
Das zeigt sich ganz besonders in dieser Episode.
Nachdem die erschreckende Karte aus der letzten Folge uns ein Ende der Föderation suggerierte, erfahren wir nun, dass nicht einmal zwanzig Prozent des Föderationsgebietes tatsächlich unter klingonischer Kontrolle stehen.
Klar wäre es nicht schön, wenn Österreich urplötzlich ganz Bayern besetzen würde (ca. 19,76% des Bundesgebietes), aber bedeutet das denn gleich automatisch, dass damit die ganze Bundesrepublik dem Untergang geweiht ist?
Immer wieder werden wir Zeuge von solchen Cliffhangern, die sich als überdramatisiert entpuppen (wie etwa Lorcas Aufenthalt in einer Agoniezelle), irreführende Erwartungen schüren und absichtliche falsche Fährten legen.
Hinzu kommen Kommentare auf arme Weisenkinder ("Kann denn nicht einmal jemandan die Kinder denken!?"), die wohl nicht nur auf Burnham, sondern auch den Zuschauern seine Wirkung haben sollen.
Am Ende glaubt man jedenfalls gar nichts mehr und zweifelt an allem.
Ist etwa Tyler wirklich nicht mehr Voq oder ziehen die Schreiber nochmal die Toten aus dem Grab?
Soll Lorcas Original wirklich im Spiegeluniversum ein Ende gefunden haben?
Bleibt Discovery wirklich ein Produkt der Original-Zeitlinie oder entpuppt es sich am Ende doch als eigenständige Realität neben den bislang bekannten?
Gerade, wenn man sich die Folgen noch einmal ansieht, erfüllt es einen mit Scham, dem ausgelegten Köder so bereitwillig geschluckt zu haben, voller Begeisterung nach Luft geschnappt zu haben und vor allem alles für bare Münze genommen zu haben.
Discovery bedient sich Propaganda-Mittel, die der Serie vor allem Glaubwürdigkeit kosten. Zwar liegt auch ein guter Teil ihrer modernen Spannung darin begründet, aber häufig geht dieser Trend zu Lasten der Figuren, deren Motivation darunter leiden.
Vor allem, weil diese Folge es schwer hat, auf eigenen Füßen zu stehen. Sie ist die erste Hälfte – nicht einmal der erste Teil! – einer längeren Episode, die die finale Lösung einläutet. Es wäre wünschenswert gewesen, dass man diese beiden Folgen (wie die ersten beiden ja auch) gleich im Doppelpack ausgestrahlt hätte.


Spiegelungen.
Manche Leute halten es ja für intelligentes Schreiben, wenn man die Erzählmuster spiegelt, um bestimmte Aspekte überdeutlich herauszukehren. Bei Discovery ist es aber längst krankhaft geworden, einzelne Aspekte ein ums andere Mal aus dem Kleiderschrank zu kramen.
So werden wir in „Flucht nach vorn“ einmal mehr Zeuge, wie Burnham jemanden fragt, wie man die Klingonen besiegt.
Wieder einmal muss ein Verräter sich an Bord der Discovery erst beweisen.
Und wieder einmal wird eine abgründige Figur mit Mut zu außergewöhnlichen Maßnahmen auf den Captains-Stuhl der Discovery gesetzt, um die Menschlichkeit aus Burnham und Co. herauszukitzeln.
Die Serie verliert sich mehr und mehr in lauter Motiven, die es in vorherigen Folgen bereits gegeben hat und nun wiederum gespiegelt, neuinterpretiert oder anderweitig ausgeschlachtet werden. Es ist wie in einem Sushi-Restaurant mit Fließband, auf dem die gleichen Speisen immer wieder an einem vorbeikreisen, ohne dass sich der Hauptgang blicken lässt. Auf der Leinwand manifestiert es sich vor allem in gähnend langweiliger Wiederholung eines immer gleichen Themas, dem man irgendwann nur noch achselzuckend Gleichmut entgegenbringen kann.


Logiklöcher und Kanonbrüche.
Ich kann mir nicht helfen, aber diese ganze Tyler-Voq-Verwandlungs-Prozedur macht umso weniger Sinn, je öfter man davon hört. Aber sie ist nur einer von vielen Aspekten, die an der Glaubwürdigkeit nagen.
Warum etwa sind im Enter-Trupp Cornwells so viele hochrangige Admirale anwesend? Ist es in dieser Situation nicht viel zu gefährlich, die wenigen verbliebenen Militärführer derart in Gefahr zu bringen?
Und was ist mit den anderen Kernwelten der Föderation? Warum versuchen die Klingonen nicht, Tellar, Vulkan oder Andoria anzugreifen, obwohl diese Planeten laut des verwendeten Kartenmaterials auf direktem Weg zu Erde liegen müssten?
Und wo sind die Klingonen, die laut Sarek den ganzen Quadranten durchkämmen?
Sie schaffen es weder, die Admirale, Sarek oder die Discovery in irgendeiner Form zu beeinträchtigen, noch eine frisch eroberte Sternenbasis zu sichern.
Vor allem aber die extensive Verwendung des omnipotenten Myzel-Netzwerks wird nahtlos fortgeführt. Nun wissen wir auch noch, dass das Wunderzeug problemlos auf jedem unbewohnten Mond neugezüchtet werden kann – dem erzählerischen Allheilmittel werden auch noch die letzten Beschränkungen vom Leib geschrieben.
Schade eigentlich.


V. Synchronisation.
Wieviel in der Übersetzung einer Star-Trek-Folge verlorengeht, merkt man spätestens, wenn aus "The War Whithout, The War Within" in der Sprache der Dichter, Denker und Diktatoren ein sprödes "Flucht nach vorn" wird.
Es gibt darüber hinaus die ein oder andere Ungereimtheit wie der Burnhams Satz "Das ist ein klingonisches Wappen. Von Haus D'Ghor!", die mir Bauchschmerzen bereiten. Andererseits stören mich die mitunter etwas flapsigen und saloppen Ausdrucksweisen ("Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen.") weniger, denn die Charaktere wirken damit etwas lebendiger. Selbst das Duzen und Siezen findet eine sinnigere Verwendung, weswegen sich die deutsche Variante am Ende doch ruhigen Gewissens sehen lassen lann.


VI. Fazit.
"Flucht nach vorn" ist vor allem unfertig. Sie markiert den halben Weg zur endgültigen Lösung und sie als Einzelfolge betrachten zu müssen ist mehr Ärgernis als Wohltat. Sie weist die üblichen Logiklöcher auf, verliert sich völlig darin, vorherige Ereignisse in vermeintlich neuem Gewand erneut zu spiegeln und büßt ziemlich an Glaubwürdigkeit ein. Vor allem Tylers Aussprache mit Burnham bleibt ein Tiefpunkt der gesamten Serie.
Seine Rückkehr in den Schoß der Crew war aber auch einer der Höhepunkte. Daneben bot sie für Sarek, Stamets, Saru oder Tilly viel Raum zum Glänzen und verstand es erstmals, die Thematik einer asymmetrischen Kriegsführung stilvoll in ein Science-Fiction-Gewand zu füllen.

Bewertung.
Unfertiger Appetitanreger.






VII. Schluss.
Bei allem Neuanfang fehlt mir eine gewisse Kompromissfähigkeit. Nur allzu deutlich hat man sich stilistisch bei Abrams angelehnt (Lens Flares, Wackelkamera, Design) und sich bestenfalls vereinzelte Rosinen aus dem Rest herausgepickt.
Habe ich der Serie zu Anfang noch zugutegehalten, dass es dafür immerhin darauf verzichtet, eine ähnliche Schneise der Verwüstung zu hinterlassen, muss ich diesen Punkt nunmehr revidieren. Der Krieg gegen die Klingonen hat mehr als ein Drittel der Flotte vernichtet, die Sternenbasis Eins ist gekapert worden und von der Schlacht am Doppelstern will ich lieber erst gar nicht anfangen zu erzählen.
Dadurch ist vor allem ein tiefer Graben zu ausgerechnet jener Epoche entstanden, vor der man sich (unverständlicherweise) positioniert hat. Ein Kirk und seine Auseinandersetzungen mit den Klingonen wirken im Lichte der in "Flucht nach vorn" beschriebenen Ereignisse jedenfalls kaum mehr schlüssig.
Es wird sich im kommenden Staffelfinale zeigen, inwiefern die Autoren hier der inneren Chronologie Star Treks entgegenkommen und wenigstens versuchen, die bisherigen Widersprüche aufzulösen. Aber selbst wenn wir wissen, dass Qo’noS wohl nicht in Schutt und Asche gelegt wird, beruht ein großer Teil der Spannung darauf, wie man jetzt noch die erzählerische Kurve meistern wird.


Denkwürdige Zitate.

"Ich könnte Entschuldigungen vorbringen. Dass ich versucht habe, das terranische Imperium zu destabilisieren. Dass die Sternenflotte von ihrem Wissen über ein anderes Universum profitiert. In Wahrheit konnte ich sie nicht nochmal sterben sehen, Saru. Sie hatte mehr verdient. Ich entschuldige mich."
Michael Burnham über die Imperatorin

"Dass Lorca ein Betrüger aus einem anderen Universum ist, war nun wahrlich nicht der naheliegendste Schluss. Wir alle wurden getäuscht."
Sarek über Lorca oder die gesamte Serie

"Niemand hat die Absicht ihre Kultur zu zerstören."
Admiral Ulbricht oder so

"T'Kuvma… war ein engstirniger Idiot!"
Cornwell zu L’Rell

"Jeder Pfad der Logik führt zu dem selben Ergebnis: Die Taktik der Sternenflotte ist gescheitert. Wenn wir sie nicht anpassen, verlieren wir jede Hoffnung auf ein Überleben."
Sarek

"Doch es liegt auch Anmut darin, denn kann man sich eine größere Quelle für den Frieden vorstellen als seinen Feinden mit Liebe zu begegnen?"
Sarek zu Burnham

"Bereue niemals, jemanden zu lieben, Michael."
Sarek

"Als wir im Universum der Terraner waren, musste ich daran danken, wie sehr ein Mensch von seiner Umgebung geprägt wird.  Und ich glaube der einzige Weg um zu verhindern, dass wir so werden wie sie, ist zu verstehen, dass wir alle eine dunkle Seite in uns haben und sie zu bekämpfen."
Sylvia Tilly

Weiterführende Leseliste.
01. Rezension zu "Leuchtfeuer" und "Das Urteil"
03. Rezension zu "Lakaien und Könige"
04. Rezension zu "Sprung"
05. Rezension zu "Wähle Deinen Schmerz"
06. Rezension zu "Lethe"
07. Rezension zu "T=Mudd²"
08. Rezension zu "Si Vis Pacem, Para Bellum"
09. Rezension zu "Algorithmus"
10. Rezension zu "Nur wegen Dir"
11. Rezension zu "Der Wolf im Inneren"
12. Rezension zu "Blindes Verlangen"
13. Rezension zu "Auftakt zum Ende"
14. Rezension zu "Flucht nach vorn"



Sonntag, 4. Februar 2018

Der Tafelrunden-Check zum Super Bowl LII


A. Einleitung.

Und schon steht sie wieder vor der Tür: Die mittlerweile 52. Auflage des Super Bowls, in der die Champions der NFC und der AFC antreten, um die Krone des American Footballs zu erringen. Und selbstverständlich geben wir auch dieses Jahr unsere Analyse zum Besten, wer dieses Mega-Sport-Ereignis gewinnen wird.
Wie jedes Jahr fragen wir uns an dieser Stelle natürlich, warum wir als Star-Trek-Fan-Gemeinschaft irgendwo im deutschen Potsdam das überhaupt tun.
Aber als Nationalsport der USA kommt dem American Football natürlich eine ganz andere Bedeutung bei Star Trek zu: Viele Schauspieler sind bekennende Fans diverser Vereine (z.B. Patrick Stewart), spielten selbst in ihrer Jugend (z.B. William Shatner) oder mimten auf der Leinwand Footballspieler (Scott Bakula). Einer der ersten Super-Bowl-Teilnehmer spielte bereits in der Originalserie mit, in "Enterprise" konnte man einen Football durch die Schwerelosigkeit des Alls schweben sehen und wer könnte die wunderbare Umschreibung des Sports durch den Vulkanier Kov in der gleichen Serie vergessen, die Tucker richtigstellen musste:

"Die Jungs wollen den Quarterback doch nicht umbringen. Sie hindern ihn nur daran, den Ball zu werfen oder damit zu laufen! Es ist nur ein Spiel, kein Kampf auf Leben und Tod."


Vor allem aber finden sich in der Tafelrunde selbst Personen wieder, die den Sport betrieben haben, gern zu Spielen lokaler Teams gehen oder einfach nur Fans des Spektakels sind.
Weil wir aber wissen, dass es für Europäer ungefähr genauso schwierig ist, seine Sympathien zu verteilen wie für einen Amerikaner, der sich entscheiden muss, ob er nun die TSG Hoffenheim oder RB Leipzig bei deren Bundesligaduell unterstützen soll, wollen wir – wie jedes Jahr – eine augenzwinkernde Entscheidungshilfe geben, die beide Teams nach drei verschiedenen Aspekten untersucht, die es jedem Leser mit ein wenig Geschmack in Film, Fernsehen und Musik möglich macht, seinen Favoriten zu ermitteln.

B. Die konkurrierenden Städte.
In dieser Kategorie kümmern wir uns darum, die beiden Gegner in recht geografischen, historischen und soziologischen Aspekten näher zu betrachten, um ein Gefühl dafür zu vermitteln, was für unterschiedliche oder doch eher ähnliche Teams aufeinandertreffen.

Die größere Stadt.
Zwar tragen die New England Patriots ihre Heimspiele im Vorort Foxborough aus, doch da dieser Umstand ungefähr dem Unterschied zwischen Spandau und Berlin gleichkommt, reduzieren wir das Duell einmal auf die Städte Boston (mit den New England Patriots) und Philadelphia (mit den Philadelphia Eagles).
Während Boston immerhin 687.600 Eingeborene zu bieten hat, kann Philadelphia dagegen stolze 1.568.000 Bewohner ins Rennen werfen. Weil aber Stadtgrenzen auch in den USA mitunter recht willkürlich gezogen werden lohnt es sich, das gesamte Einzugsgebiet zu betrachten. Während Boston dann sofort auf knapp 4,8 Millionen Personen anwächst, leben in Philadelphia mit circa sechs Millionen Bürgern noch immer mehr Bevölkerungsmenge vor der eigenen Haustür. Ja selbst wenn man die gesamten Bundesstaaten hinzuzählt, kommt man in Massachusetts (6,86 Millionen Einwohner) Hauptstadt Boston nicht umher zuzugestehen, dass in Pennsylvania (12, 8 Millionen Seelen) mehr Leute wohnen.
Vorteil: Eagles.


Die ältere Stadt.
Wie jedes Jahr ist es für europäische Verhältnisse immer ein wenig amüsant, auf die vermeintliche Besiedlungstradition amerikanischer Städte zu schauen, wo doch Trier (2034 Jahre), Potsdam (1025) oder Berlin (774 Jahre) dem Begriff im direkten Vergleich vielleicht doch etwas spotten. Doch für amerikanische Verhältnisse sind sowohl Boston (1630 gegründet) als auch Philadelphia (1681) vergleichsweise Urgesteine der urbanen Landschaft.
Vorteil: Patriots.


Die wichtigere Stadt.

Obwohl so etwas schwierig zu bestimmen ist bleibt festzuhalten, dass Boston zwar nicht die erste Geige spielt, aber als Beta+ Global City geführt wird, als Hauptstadt des eigenen Bundesstaates fungiert und mit den Hochschulen Harvard und MIT zwei der Vorzeige-Lehranstalten der USA vorweisen kann. Zudem wurden mit John Adams, Calvin Coolidge, John F. Kennedy und George Bush senior insgesamt vier US-Präsidenten hier geboren.
Philadelphia andererseits war einmal die Hauptstadt der gesamten USA und hier wurde die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet. In den Folgejahren durchlebte die Stadt allerdings einen rasanten Absturz. Unruhen, Korruption, Verbrechen und der Zusammenbruch traditioneller Industriezweige machten ihr zu schaffen. Zwar geht es mittlerweile längst wieder bergauf, aber die Stadt hat viel von ihrem Prestige verloren und muss sich mit dem Makel arrangieren, dass die Hauptstadt Pennsylvanias in Harriesburg liegt.
Vorteil: Patriots.




Die größere Nummer im Sport.
Dieser Punkt ist dieses Jahr ungleich ausgeglichener, denn sowohl Boston (New England Patriots, Red Sox, Celtics, Bruins, New England Revolution) als auch Philadelphia (Eagles, Phillies, Flyers, 76ers, Union) verfügen über je einen Mitglied in den fünf großen Ligaverbänden für Football, Baseball, Basketball, Eishockey und Soccer (das, was wir Europäer als 'Fußball' kennen). Es gibt jedoch einen kleinen, aber feinen Unterschied.
Während Boston zum erlauchten Kreis jener Städte gehört, die mindestens einen Titel in jeder Liga gewinnen konnten und auf insgesamt 37 Meisterschaften kommt, die der Stadt den Spitznamen "Title Town" einbrachten, scheint Philadelphia der direkte Gegenentwurf dazu zu sein.
Man schob den allgemeinen Misserfolg sogar schon auf einen Fluch ("The Curse of Billy Penn"), aber auch wenn dieser mittlerweile aufgehoben scheint, ist noch nicht allzu viel Zählbares dabei herausgesprungen.
Vorteil: Patriots.


Entfernung zum Austragungsort.
Während beide Städte für amerikanische Verhältnisse überschaubare 435 Kilometer voneinander trennen, die beinahe eine Derby-Stimmung heraufbeschwören, liegt der diesjährige Austragungsort des zweiundfünfzigsten Super Bowls tief im Mittleren Westen der USA. Der Meisterschaftskampf 2018 wird im kalten Minneapolis (Minnesota) ausgetragen, wobei man sagen kann, dass die Eagles hier im Duell mit ihren NFC-Rivalen Vikings vier Siege davontragen konnten, während es für die Patriots nur zu drei Siegen reichte. Andererseits sollte man bedenken, dass das Team aus Philadelphia hier insgesamt elf Partien austrug (also auch sieben Mal verlor), während die Pats nur fünf Versuche hatten (also nur zwei Mal verloren).
Nichtsdestotrotz haben die Eagles nicht nur mehr Erfahrung im hiesigen Rund als die Patriots, sie haben (mit 1582km) auch einen unwesentlich kürzeren Anreiseweg als ihre Rivalen (1800km).
Vorteil: Eagles.


C. Personelle Unterstützung.
In diesem Teil geht es eher um kulturelle Aspekte beider Orte, die dem hiesigen Fernsehzuschauer vielleicht besser bekannt sind als sportliche oder geografische Anhaltspunkte.

Berühmte Einwohner.
Es gibt einige großartige Persönlichkeiten, die der Stadt Philadelphia entstammen. Die monegassische Regentin Grace Kelly etwa erblickte ihrem späteren Leben im Pomp zum Trotz das Licht der Welt ausgerechnet in Philadelphia. Ihr taten es illustre Personen wie Kevin Bacon, Bradley Cooper, Jack Klugman oder David Lynch gleich.
Was sollte Boston da noch aufbieten können?
Vielleicht keine Fürstin, aber hinter Leonard Bernstein, Edgar Allan Poe, John Cena, Matt LeBlanc, Jack Lemmon oder Uma Thurman verstecken sich noch weitere namhafte Personen. Zum Beispiel Ben Affleck, Chris Evans oder Edward Norton, die Batman, Captain America und den Hulk verkörperten.
Vor so viel Superheldenkraft muss sich wohl auch ein gekröntes Staatsoberhaupt verbeugen.
Vorteil: Patriots.
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Berühmte Musiker.

Manches aus der Musikszene Philadelphias versetzt einen zurück in die Neunziger. Boys II Men, zum Beispiel. Oder in die Achtziger, wie The Hooters. Das erfolgreichste, was die Stadt heutzutage zu bieten hat, ist hingegen Taylor Swift, von der ich an dieser Stelle auch nichts vorstellen will. Dann doch lieber ein anderes Kind der Neunziger, das Erinnerungen an die guten alten Zeiten weckt.
Die Bloodhound Gang.



Boston andererseits hat mit den New Kids on the Block wohl eines der grausigsten Musikverbrechen der letzten zweitausend Jahre zu verantworten, aber man muss der Stadt zugutehalten, dass es viel bessere Acts zu bieten hat wie Aerosmith, Boston, Pixies, Dick Dale, die Dresden Dolls, Dropkick Murphys, Godsmack oder Rob Zombie.
Als Hörprobe soll diesmal ein Song der lokalen Band Staind dienen, der allerdings aufgrund der größeren Vielfalt Bostons nicht als Omen für den Super Bowl herhalten kann.
Vorteil: Patriots.



Verbindungen zu Star Trek.

Die Stadt Philadelphia ist im Star-Trek-Universum die Heimat eines großartigen Künstlers: Vic Fontaine. Im Bundesstaat Pennsylvania ereigneten sich die Streiks von O'Briens Vorfahren Aloysius, spielten die Ereignisse von "Carbon Creek"  und hier erblickte Balthazar Edison das Licht der Welt.
In Philadelphia wurden außerdem wichtige Schauspieler wie Robert Picardo, John de Lancie und Barry Jenner geboren.



Und doch bildet eher Boston einen Wallfahrtsort für Star-Trek-Anhänger.
Das liegt allerdings weniger an den dünnen Erwähnungen innerhalb Star Treks, sondern daran, dass neben Martha Hackett, Richard Herd oder John Schuck die Star-Trek-Legende Leonard Nimoy hier geboren wurde und aufgewachsen ist.
Vorteil: Patriots.



Berühmte fiktionale Fans.
Es gibt eine Menge von Filmen und Serien, die in Philadelphia spielen. Von "Twelve Monkeys", "The Sixth Sense", "Sieben", "Philadelphia", "Unbreakable" bis hin zu "It's Always Sunny in Philadelphia", "Cold Case" oder "Prince of Bel Air", das zwar in Kalifornien spielt, aber West Philadelphia immerhin musikalisch ein Denkmal setzte.
Aber eine Figur steht noch viel mehr für den Kampf der Arbeiterstadt Piladelphias gegen die Unbillen einer harten Welt:
Rocky Balboa.
Sylvester Stallone, der eigentlich in New York geboren ist, spielt gerne mit diesem Mythos und brachte bereits mehrfach seine Kunstfigur mit den Eagles in Zusammenhang.

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Auf der anderen Seite steht mit Peter Griffin Seth MacFarlanes Familienoberhaupt und "Family Guy", der in mehreren Episoden mit seinen Patriots gemeinsame Sache machte. Mal lief er für sie auf, mal versuchte er Trainer Bill Belichick zum Lachen zu bringen und mal bat er bei Gott persönlich für sein Team um Erfolg.
Doch auch wenn Peter Griffin damit offensichtlich erfolgreich gewesen sein muss, bleibt die Legende um Rocky Balboa unerreicht.
Vorteil: Eagles.



Berühmte Fans.
Die Eagles, die als eines der fänstärksten Teams im American Football überhaupt gelten, haben eine ganze Reihe von Fans. Unter ihnen sind beispielsweise Schauspieler Bradley Cooper, der ehemalige Vizepräsident Joe Biden, der Comedian Kevin Hart oder der Darsteller Danny de Vito.
Am bekanntesten – nicht zuletzt wegen seiner Rap-Einlage zu seiner Heimatstadt im Intro von "Der Prinz von Bel Air" ist aber fraglos Will Smith, den man ferner vielleicht noch aus "Independence Day", "Bright" oder "Suicide Squad" kennen könnte.

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Zu den Vorzeige-Fans der Patriots gehören hingegen die Ehefrau Tom Bradys, das Modell Gisela Bündchen, Late-Night-Host Conan O'Brien, Aerosmith-Sänger Steven Tyler oder Jon Bon Jovi.
Vorzeigefan ist sicherlich der "Marsianer" Matt Damon, der sogar einmal für eine Rolle in einem Star-Trek-Film im Gespräch war.

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Zwar gibt es kaum etwas gegen den Marsianer ins Feld zu führen, aber der Vollständigkeit halber sollte angemerkt werden, dass vor allem der Erfolg der Patriots einen ganz besonderen Fan angezogen hat, der sogar mit Quarterback Tom Brady, Trainer Bill Belichick und Club-Eigner Robert Kraft befreundet ist: Donald Trump.
Vorteil: Eagles.
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Maskottchen.
Die beiden Aushängeschilder ihrer Vereine sind die Maskottchen Pat Patriot (New England Patriots) und Swoop (Eagles). Während Pat Patriot ein wenig so aussieht, als wäre er das uneheliche Kind von Thomas der Lokomotive und Captain Hook, erfreut er sich in den USA nicht zuletzt wegen seines patriotischen Grundtones großer Beliebtheit. Doch nicht nur, dass Adler in den USA mit mindestens ebenso viel Pathos beladen werden; in diversen Internet Rankings rangiert der Adler Swoop zumeist vor seinem Kollegen aus Boston. Und er spielte immerhin in Ace Ventura mit…
Vorteil: Eagles.





D. Der sportliche Rahmen.

An dieser Stelle widmen wir uns – überblicksartig – dem sportlichen Aspekt des Spiels, vergleichen die Ausgangssituation beider Teams und widmen uns den Prognosen.

Statistik.
Die bisherige Bilanz der beiden Mannschaften spricht knapp für die Eagles, denn von den dreizehn bisherigen Begegnungen konnten sie sieben für sich entscheiden. Unter den sechs Siegen der Patriots ist aber auch der Gewinn des Super Bowls XXXIX im Jahre 2008 zu finden, in dem die Pats den Finalträumen der Eagles ein grausames Ende bereiteten. Insbesondere mit Blick auf die bisherige Titelbilanz bleibt festzustellen, dass das Team aus Philadelphia erst zum dritten Mal überhaupt das Endspiel erreicht hat, während ihrem Gegner dieses Kunststück immerhin bereits neun Mal, wobei ihnen das Kunststück gelang, seit dem Jahr 2002 insgesamt fünf Mal als Sieger vom Platz zu gehen.
Philadelphia hingegen kämpft massiv gegen den Aberglauben an.
Nachdem der "Curse of Billy Penn" überwunden zu sein scheint, geht in der NFL das Gerücht um, dass ein weiterer Fluch namens "Lombardi Curse" auf der Mannschaft lastet. So soll das Team die Trainer-Legende Vince Lombardi durch dessen einzige Play-Off-Niederlage so verärgert haben, dass die nach ihm benannte Super-Bowl-Trophäe der Mannschaft aus Philadelphia für immer verwehrt bleiben soll…
Vorteil: Patriots.


Die Quarterbackfrage.
Auf der einen Seite steht ein Fels in der Brandung. Bereits seit Jahrzehnten ist Tom Brady ein Erfolgsgarant bei den New England Patriots und seine Fähigkeiten haben bereits mehr als einmal einen Super Bowl entschieden. Mittlerweile zählt er stolze vierzig Lenzen, aber wenn uns vorangegangene Finalspiele (wie z.B. der Super Bowl 50) irgendetwas bewiesen haben, dann doch, dass gerade auf dieser Position Konstanz und Erfahrung von unschätzbarem Wert sind.
Auf der anderen Seite steht die grandiose Geschichte eines Underdogs. Als sich Carson Wentz, der etatmäßige Quarterback zu Saisonende verletzte, sprang sein neunundzwanzigjähriger Ersatz Nick Foles an und machte seine Sache in bester American-Dream-Manier so gut, dass die Eagles ihr Ligafinale gewannen und ins Endspiel einzogen. Hier kann Foles das Märchen perfekt machen, auch wenn es eher wahrscheinlicher ist, dass die Patriots diesen Personalwechsel mit ihrer Abgebrühtheit eiskalt ausnutzen werden.
Vorteil: Patriots.





Die Trainer.
Bill Belichick ist fraglos einer der erfolgreichsten und fähigsten Trainer der NFL-Geschichte, dem ohne Frage stets die Favoritenrolle zukommt. Doch Belichicks Weg ist gepflastert mit Skandalen. So ließ er Absprachen anderer Teams abfilmen, Psychospielchen mit seinen Gegnern betreibt und wurde von George R.R. Martin auf recht unschmeichelhafte Weise in einem seiner Bücher erwähnt.
Vergleichsweise unauffällig ist sein Gegenüber Doug Pederson, der über seine Tätigkeit als Assistenztrainer schließlich 2016 zum Head Coach aufstieg und seither die Eagles trainiert. Immerhin kennt er die Situation seines Schützlings Foles' bestens, denn Pederson war während seiner aktiven Laufbahn selbst zumeist als Ersatzquarterback im Einsatz. In Philadelphia bricht er jedenfalls einen Rekord nach dem anderen; ob es aber für den Gewinn des Super Bowls reichen wird, wird sich zeigen müssen…
Vorteil: Patriots.


Skandale.
Das unbeliebteste an den Eagles sind vor allem ihre Fans. Zwar zählt man sie im gleichen Moment zu den leidgeprüftesten, aber ihr schlechter Ruf manifestiert sich immer wieder an ihrem Verhalten. Sie werfen mit Schneebällen auf Weihnachtsmänner, johlen bei Schwerverletzungen anderer Spieler und tendieren zum öffentlichen Urinieren. Auch ausgestreckte Mittelfinger, Bierbecherwürfe und Spuckattacken sind keine Seltenheit.
Das alles liest sich vor allem aus europäischer Perspektive recht harmlos, stellt aber in Amerika, wo Ligasport mehr Event als Lokalkolorit ist, ein echtes Problem dar.
Die Patriots hingegen sind ein wahres Sammelbecken für Skandale und Affären wie das Deflate-Gate, Spy-Gate oder ähnliche Possen, die dem Sport vor allem Glaubwürdigkeit kosten. Da sie zudem als eines der besten NFL-Teams viele Meisterschaften für sich entscheiden konnten, haben sie es in den letzten Jahren verstärkt geschafft, den Unmut anderer Fans auf sich zu ziehen.
Ich kann an dieser Stelle den Film "Unbesiegbar" empfehlen, in dem ausgerechnet der Patriots-Fan Mark Wahlberg eine Spieler-Ikone der Philadelphia Eagles verkörpert. Der Film ist furchtbar kitschig, nach Schema F gestrickt und so sehr von der originalen Story abweichend, dass Vince Papale am Ende fast wie eine Disney-Prinzessin wirkt. Aber das Werk zeigt aus einer ungewöhnlichen Perspektive die Fans des Clubs, die der Arbeiterschaft entstammen und in einer unzertrennbaren Beziehung zu ihrem selten erfolgreichen Verein stehen. Um es zugespitzt zu sagen: Es ist ein wenig, als würde Schalke (Philadelphia) gegen Bayern München (New England Patriots) spielen.
Vorteil: Eagles.


Der Tafelrunden-Experten-Tipp.
An dieser Stelle übergebe ich das Wort an jemanden, der sich deutlich besser auskennt als ich:
Der Potsdamer Royal Dennis Rösner:

"Im diesjährigen Superbowl treffen 2 Schwergewichte aufeinander, die ein spannendes Spiel erwarten lassen. Angefangen mit dem Herausforderer aus der NFC, den Philadelphia Eagles. Vieles lässt sich über beide  Teams sagen, dennoch werde ich versuchen, die wichtigsten Fakten kurz und knapp zusammenzufassen.
Die Eagles spielen eine herausragende Saison, die beste seit Jahren (Um nicht zu sagen: Jahrzehnten!). Denn erstmals seit über fünfzig Jahren haben sie die Chance, die begehrte Lombardi-Trophäe in die Höhe zu strecken. Angeführt wird diese solide gecoachte Truppe allerdings von ihrem Backup-Quarterback Nick Foles. Der etatmäßige Quarterback, Carson Wentz,verletzte sich nämlich kurz vor Ende der regulären Saison schwer am Knie, was ein Weiterspielen unmöglich machte. Die Eagles ließen sich jedoch nicht unterkriegen und meisterten alle Herausforderungen, die die Playoffs für sie zu bieten hatte. Besonders stark spielt die Defense der Eagles auf. Die Verteidiger spielen außerordentlich physischen und knochenharten Football. Die Deckung der Gegenspieler erfolgt sehr eng, was ein Passspiel enorm erschwert und der Pass-Rush ist so enorm mächtig, sodass die Offense-Line im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun haben wird.
Eine mögliche Schwäche könnte die fehlende Spielpraxis des Backup-Quarterbacks sein sowie die fehlende Erfahrung in einem Endspiel zu stehen. Dennoch haben die Männer aus Philly keine schlechten Chancen auf den Pokal, sofern sie Ihre Stärken ausnutzen und eine gute Tagesform abrufen können.
Auf der gegenüberliegenden Seite das absolute Maß aller Dinge, wenn es um Endspiele und Erfahrung geht. Die New England Patriots stehen seit Beginn des 21. Jahrhunderts nunmehr zum 8. Mal im Endspiel. Von den sieben gespielten Superbowl-Matches konnten sie fünf für sich entscheiden. Eine Leistung, die ihresgleichen sucht. Den letzten Erfolg konnten sie im vergangenen Jahr verbuchen, als sie das größte Comeback feierten, welches es je in einem Superbowl zu sehen gab. Die Truppe um Tom Brady, den 'Greatest of all Time', wie ihn unzählige Experten und Medien nennen, ist also eine echte Macht, mit der es im Endspiel zu rechnen gilt.
Dabei sah es am Anfang des Jahres noch gar nicht so sicher nach einer Superbowl-Teilnahme aus. Auf den besten Receiver in ihrer Offense, Julien Edelman, mussten sie das ganze Jahr verzichten. Ebenso in der Defense gab es enorm viele Ausfälle, die es zu kompensieren galt. Doch die Erfahrung und, wie es scheint, der pure Wille zum Siegen machten es schließlich möglich, wieder einmal die Chance auf die Lombardi-Trophäe zu bekommen. Große Stärken der Patriots sehe ich persönlich in ihrem enorm flexiblen Passspiel. Egal ob Receiver, Tight End oder sogar Runningback, Tom Brady findet fast immer eine Anspielstation um den Ball über das Feld zu bewegen. Den Rücken freigehalten bekommt er auch hier von der außerordentlich gut zusammenspielenden Defense. Besonders die Rookies (Neulinge) und die anderen jungen Spieler konnten von den Veteranen im Team profitieren und ihre Leistung schnell steigern.
Eine Chance, die Patriots zu schlagen, gibt es eigentlich nur indem man Druck auf den Quarterback, Tom Brady, aufbaut. Ihn zu Fehlern zu zwingen, ihm wenig Zeit zu geben und stetig wissen zu lassen, dass die Defense präsent ist, das sollte das Ziel der Eagles sein.
Da ich glaube, dass Erfahrung in diesem Sport ein kaum zu ersetzendes Gut ist, und die Patriots mehr als genug davon besitzen (sowohl spielerisch, als auch was die Endspiel-Atmosphäre angeht), tippe ich auf einen (wenn auch knappen) Sieg von New England.
"
Vorteil: Patriots.


Prognosen.
Diesem Tipp schließen sich die Wettbüros in Amerika und Europa durchgehend an. Experten wie Sebastian Vollmer oder Björn Werner sehen es ähnlich und selbst Tier-Orakel wie Jimmy Fallons traditionsreiche „Puppy Predictionund andere prognostizieren größtenteils einen Sieg der Patriots.
Vorteil: Patriots.




Mein Tipp.
Obwohl ich mit Begeisterung seit den Zweitausendern jedes Jahr den Super Bowl verfolge, habe ich eine unglaublich schlechte Quote von erfolgreichen Vorhersagen. Von bislang zwölf getippten Endspielen lag ich gerade einmal drei Mal richtig.
So ist es in der Tafelrunde längst zur Tradition geworden, meinen eigenen Tipp als Argument gegen das Team zu verwerten, dem ich die Daumen drücke.
Wider besseren Wissens werde ich aber auch dieses Jahr den Underdogs meine Sympathien zukommen lassen, in der wagen Hoffnung, dass die Patriots-Dominanz vielleicht gebrochen wird.
Vorteil: Patriots.


Endergebnis.
Bei einem deutlichen Stand von zwölf zu sechs sieht wohl alles danach aus, als würden auch diesmal Tom Brady und die New England Patriots die Vince-Lombardi-Trophäe in den amerikanischen Nachthimmel recken. Unter den Zuschauern wird es wohl viele geben, die sich darüber freuen, aber auch mindestens genauso viele, denen der Sieg der Patriots Ärger bereiten wird.


E. Was es sonst noch zu wissen gibt.
Natürlich gibt es neben allem, was wir bisher erörtert haben noch ein oder zwei Sachen, die man zum Super Bowl wissen sollte.

Austragungsort und Ausstrahlung.

Als Endspielort hat man sich ausgerechnet für Minneapolis entschieden, wo die Vikings ihr Zuhause haben. Diese haben sich nicht nur von den Eagles im Liga-Endspiel herauswerfen lassen, sondern spielen auch noch in einer äußerst kalten Gegend. Wie beide Teams mit den sibirischen Temperaturen klarkommen, dürfte wohl auch von maßgeblicher Bedeutung für diesen Abend werden.
In unseren (wärmeren) Breiten kann man die Übertragung ab 22.50Uhr auf Pro Sieben miterleben, wobei der Kick-Off erst um 0.30Uhr beginnen wird. Es empfiehlt sich wohl, den nächsten Tag ausschlafen zu können.

Nationalhymne.
Die singt niemand geringeres als der Eagles-Fan Pink. So laufen bereits erste Wetten, die sich statt eines Spielergebnisses mit der Haarfarbe der Sängerin beschäftigen.

Halbzeitshow.
Die wird zum bereits dritten Mal von Justin Timberlake bestritten, wobei er zu seinem ersten Auftritt noch Mitglied der Gruppe NSYNC war. Denkwürdiger war hingegen sein zweiter Auftritt mit Janet Jackson, der als "Nipplegate" in die Annalen der Übertragungsgeschichte einging und dafür sorgte, dass bis heute die Übertragungen zeitlich verzögert werden (um notfalls eingreifen zu können).
Ob es dieses Jahr zu einem ähnlichen Moment kommen wird, darf ernsthaft bezweifelt werden.

Werbung.
Einer der Höhepunkte des Super Bowls ist stets die Werbemaschinerie, die sich jedes Jahr auf's Neue Mühe gibt, rechtzeitig zum Sportereignis neue Spots ins Rennen zu werfen, die für unglaubliche Summen während des Spiels ausgestrahlt werden. Glücklicherweise bekommt man hierzulande deutlich weniger davon mit, so dass wir hier immerhin den sehenswertesten Spot unter Mitwirkung von Peter Dinklage und Morgan Freeman zeigen.



F. Schluss
So viel von uns an dieser Stelle. Vielleicht schlägt sich ja auch der ein oder andere von Euch die Nacht für dieses Ereignis um die Ohren, möchte nach diesen Beschreibungen selbst einmal auf den Sieger tippen oder seine Abscheu gegenüber dem Sport Audruck verleihen.
So oder so – Lasst es uns in den Kommentaren wissen!
Wer übrigens für keine der beiden Mannschaften die Daumen drücken möchte, hat übrigens noch eine dritte Option. Der Asteroid 2000 AJ129 passiert die Erde just zum Super Bowl und glaubt man der Yellow Press in Großbritannien, könnten weder Patriots noch Eagles gewinnen. Und auch wenn es längst Entwarnung von glaubwürdigerer Seite gegeben hat, haben sich längst genug Sportmuffel entschieden, das "Team Asteroid" zu unterstützen...