Donnerstag, 3. Oktober 2019

Star Trek, Deine Deutschen, Teil 01: Franz Bachelin

Einleitung.
In Deutschland werden 2019 dreißig Jahre Mauerfall gefeiert und auch die Star Trek Tafelrunde "Hermann Darnell" aus Potsdam Babelsberg möchte diesem Ereignis mit einer ganz besonderen Reihe Tribut zollen, in der - inspieriert vom Leben des kürzlich verstorbenen David Hurst - Deutsche bei Star Trek näher beleuchtet werden. Dabei geht es weniger um Personen wie Levar Burton oder Jeri Ryan, die im Zuge von Militärstationierungen im amerikanischen Sektor Deutschlands das Licht der Welt erblickten. Oder Schauspieler wie Mark Allen Shephard oder Nancy Kovack, die mittlerweile in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Selbst deutsche Charaktere wie Keyla Detmer oder Carl Jaeger finden hier keine Erwähnung.
Stattdessen erzählen wir zwischen dem 3. Oktober und dem 9. November 2019 zwölf Geschichten über zu Unrecht hierzulande weniger bekannte Darsteller, Regisseure und anderweitig mit Film und Fernsehen verbundene Personen und deren Beziehung zu Deutschland und Star Trek. Dabei wollen wir zeigen, dass Deutsche stets entscheidend dabei halfen, Star Trek zu dem Kultobjekt zu formen, das es heute ist
.


Franz Bachelin.
Die Geschichte des ersten Deutschen, der mithalf Star Trek überhaupt auf die Mattscheibe zu bringen, beginnt mit dem überhasteten Abschied seines Vorgängers. Als das Desilu-Studio 1964 den Zuschlag für den Star-Trek-Pilotfilm "Der Käfig" erhielt, beauftragte man den energetischen künstlerischen Leiter der Studios Patricio Guzman gemeinsam mit Matt Jefferies die einzelnen Bühnenelemente, die Brückenausstattung und die Konsolen zu entwerfen. Der einunddreißigjährige Chilene leistete hervorragende Arbeit doch kurz vor Drehbeginn kam es zum absoluten Katastrophenfall für die Produzenten: "Pato" Guzman verließ von Heimweh geplagt die Vereinigten Staaten um in seine südamerikanische Heimat zurückzukehren.

Guzmans Entwurf für die Brücke
Dieser unvorhergesehene Umstand brachte die verantwortlichen Produzenten ordentlich ins Schwitzen. Setdesigner waren in den Sechzigern nicht nur eine seltene wie vielbeschäftigte Berufsgruppe, sondern standen auch unter besonderem gewerkschaftlichen Schutz; die Abwerbung eines anderweitig beschäftigten künstlerischen Leiters kam also nicht in Frage.
Glücklicherweise gab es einen verdienten Mann in Hollywood, der nicht nur 1959 eine Oskar-Nominierung für seine Arbeit an "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" ergattern konnte (Originalentwürfe für schlappe 8.500$ lassen sich hier ersteigern), sondern auch im Alter von 68 Jahren gerade dabei war, in seinen wohlverdienten Ruhestand überzutreten.
Im Moment der absoluten Panik erinnerte sich irgendjemand in der Führungsetage Desilus seines Namens. Es oblag dem Co-Produzenten Byron Haskin diese Person anzurufen und ihn zu überzeugen, dass dieser Job nicht nur eine Menge Spaß bedeuten würde, sondern ihn maximal einen Monat von seinem wohlverdienten Rentnerdasein trennen würde (eine Fehleinschätzung, wie sich später herausstellen sollte).
So gesellte sich schließlich ein Mann mit einem deutlichen deutschen Akzent nur wenige Tage vor Drehstart zur Riege der Star-Trek-Urväter, der auf den Namen Franz Bachelin hörte.

Entwurf Bachelins für "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde"

Franz Nicholas Bachelin wurde am 10. November 1895 in Sinsheim geboren, wo heute sowohl das Technikmuseum als auch die TSG Hoffenheim ihre Heimstätten haben. Als sich 1914 der Erste Weltkrieg anschickte, die Welt für immer zu verändern, zählte Bachelin zu den Vorreitern einer völlig neuen, modernen Waffengattung: Er gehörte als Pilot einer Fliegerstaffel an. Als der Krieg mit einer vernichtenden Niederlage für Deutschland endete, schlug er das Angebot Hermann Görings aus, am Aufbau einer neuen deutschen Luftwaffe mitzuwirken und wandte sich stattdessen dem Studium der Architektur zu. Im Jahr 1928 beschloss er, sein Glück außerhalb Deutschlands zu suchen und gelangte über einen kurzen Zwischenstopp in Kuba schließlich in die Traumfabrik nach Hollywood.
Hier gelang es ihm trotz einsetzender Wirtschaftskrise Schritt für Schritt eine beachtliche Existenz als Setdesigner aufzubauen. Ab den vierziger Jahren wurde er zu einer festen Größe im Film-Geschäft und wirkte (meist zusammen mit einem zweiten künstlerischen Leiter) in opulenten Filmen wie "The Searching fort he Wind" (1943), "Stalag 17" (1953) oder "Beherrscher der Meere" (1959) mit, von denen viele aufgrund ihrer Handlungszeit aufwändige Bühnenbilder verlangten.

Bachelin in einer Statistenrolle in "Stalag 17"
Auch privat fand Bachelin in der Traumfabrik sein Glück. Der Katholik lernte in Kalifornien die deutsch-jüdische Tänzerin und Schauspielerin Anita Hirtfield kennen. Zwar kehrte sie ohne in Amerika Fuß fassen zu können in ihre Heimatstadt Berlin zurück, floh allerdings bereits 1932 wieder vor den Nazi-Repressalien in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nur ein Jahr später erblickte die gemeinsame Tochter Inez das Licht der Welt. Stark beeinflusst von der Arbeit ihrer Vaters wurde sie zu einer erfolgreichen Künstlerin und ist heute mit einem Nachkommen der russischen Zarenfamilie verheiratet.
Bachelin selbst verstarb am 26. Mai 1980 in Pacific Palisades, einem Vorort von Los Angeles.

Entwurf Bachelins zum Quartier des Captains
Seine Arbeit bei Star Trek war zwar von Erfolg gekrönt, aber keinesfalls der Selbstläufer der Bachelin von Haskin bei seiner Einstellung versprochen worden war. Zum einen häuften sich die weitreichenden Eingriffe Gene Roddenberrys, der die Setdesigner immer wieder mit seinen eigenen Vorstellungen in die Parade fuhr. Zum anderen entstanden aber auch Konflikte mit Matt Jefferies, der zwar einen Großteil der Arbeit leistete, aber aufgrund seiner fehlenden Dienstjahre im Schatten des erfahreneren und im Abspann prominenter vertretenen Bachelin stand. Zudem war die Produktionszeit deutlich teurer und zeitintensiver als bei derartigen Projekten normalerweise üblich.
Schließlich waren auch viele Aspekte bereits von Pato Guzman beeinflusst worden, was es heute recht schwierig macht, deutlich jene Bereiche zu umreißen, die Bachelin für Star Trek erschaffen hat. Glücklicherweise gibt es jedoch eine Zeichnung des Quartiers des Captains (für das es auch frühere Entwürfe gibt), die aus der Feder Bachelins stammt (und oft fälschlicherweise Guzman zugeschrieben wird). Wer sich also darüber wundert, was ein Röhrenfernseher in Pikes Privatgemächern zu suchen hat, sollte bei seiner Kritik beachten, dass es sich dabei um ein kleines Stück deutschen Einfluss in Star Trek handelt.
Dabei ist es besonders traurig, dass hierzulande mehr Leuten dieses Detail bewusst ist, als der Umstand dass ein Deutscher dafür verantwortlich ist. Bis heute existiert jedenfalls noch nicht einmal ein Artikel zum ersten Deutschen bei Star Trek in der deutschsprachigen Version der Star-Trek-Wiki Memory Alpha.


Vorschau.
In der nächsten Folge berichten wir von einem Deutschen, der eigentlich gar keiner ist, aber wegen seiner beachtlichen Sprachkenntnisse nur allzu oft darauf reduziert wurde. Es ist die Geschichte eines Mannes, der eine Star-Trek-Episode durch seine Präsenz aufwertete, nicht zuletzt, weil er durch eine andere Filmreihe zu schauspielerischem Ruhm gelangte.


Quellen.
Cushman, Marc; Osborn, Susan: These Are the Voyages. TOS Season One, San Diego 2013, S. 47
Libertore, Paul: Inez Storer. Memories From the Backlot., PDF hier, [03. Oktober 2019].
Justman, Robert H.; Solow, Herbert F: Star Trek. Die wahre Geschichte, München , 1998, S. 57
Mascioli-Mansell, Josephina Lee: Jo Lee Talks to the Amazing Mind of a Famous Father's Daughter, Website hier, [03. Oktober 2019].
Solow, Yvonne F.; Solow, Herbert F.: Star Trek Sketchbook. The Original Series, New York, 1997, S. 114f.

Weiterführende Leseliste.

Star Trek, Deine Deutschen, Teil 00: David Hurst.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 01: Franz Bachelin.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 02: Walter Gotell.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 03: Jesco von Putkamer.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 04: Barbara Bouchet.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 05: Winrich Kolbe.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 06: Reiner Schöne.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen