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Samstag, 19. Oktober 2019

Star Trek, Deine Deutschen, Teil 06: Reiner Schöne

Einleitung.
In Deutschland werden 2019 dreißig Jahre Mauerfall gefeiert und auch die Star Trek Tafelrunde "Hermann Darnell" aus Potsdam Babelsberg möchte diesem Ereignis mit einer ganz besonderen Reihe Tribut zollen, in der - inspieriert vom Leben des kürzlich verstorbenen David Hurst - Deutsche bei Star Trek näher beleuchtet werden. Dabei geht es weniger um Personen wie Levar Burton oder Jeri Ryan, die im Zuge von Militärstationierungen im amerikanischen Sektor Deutschlands das Licht der Welt erblickten. Oder Schauspieler wie Mark Allen Shephard oder Nancy Kovack, die mittlerweile in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Selbst deutsche Charaktere wie Keyla Detmer oder Carl Jaeger finden hier keine Erwähnung.
Stattdessen erzählen wir zwischen dem 3. Oktober und dem 9. November 2019 zwölf Geschichten über zu Unrecht hierzulande weniger bekannte Darsteller, Regisseure und anderweitig mit Film und Fernsehen verbundene Personen und deren Beziehung zu Deutschland und Star Trek. Dabei wollen wir zeigen, dass Deutsche stets entscheidend dabei halfen, Star Trek zu dem Kultobjekt zu formen, das es heute ist.


Reiner Schöne.
Es gibt einen Schauspieler, der wie kein anderer längst das Bild eines Deutschen bei Star Trek geprägt hat und dem größten Teil der Fans hierzulande bestens bekannt ist. Zwar ist Reiner Schöne keineswegs - wie so oft (etwa hier, hier oder hier) behauptet - der einzige Deutsche, der in TNG oder gar Star Trek beteiligt war (das sollte unsere Reihe bereits bis hier hin bewiesen haben), doch das bunte Leben dieses Schauspielers und vor allem sein Unterhaltungstalent haben längst dafür gesorgt, dass Schönes Name unter denen dieser Reihe zweifellos der bekannteste ist. Ein bunter Hund, den man unbedingt einmal live erlebt haben sollte (zum Beispiel bei einer Mini-Convention in Benjamin Stöwes Eberswalder Star-Trek-Museum) und der durch seine vielfältige Arbeit längst ein unverzichtbarer Bestandteil für die deutsche Science-Fiction- und Comic-Landschaft geworden ist.



Reiner Schöne wurde am 19. Januar 1940 im hessischen Fritzlar geboren, aber seine Familie zog bereits kurz darauf in die deutsche Kulturmetropole Weimar um. Hier erlebte Schöne zuerst die Bombardierung der Stadt, den Einmarsch amerikanischer Truppen und schließlich die Übergabe des Ghoethe-Wirkensortes an die Sowjets mit. In der 1949 gegründeten DDR wuchs Schöne auf und entdeckte in seiner Jugend seine Liebe zu Musik und Schauspielerei. In seinem Geburtsort gelangte er schließlich am prestigeträchtigen Nationaltheater zu einem Schauspielstudium. Schnell wird der junge Mann zum aufgehenden Sternchen im Arbeiter-und-Bauern-Staat, das sich neben seiner Theaterkarriere auch in DEFA-Filmen und als Sänger einen Namen macht. Aber Schöne eckt auch immer wieder an; seit seiner Schulzeit gerät der Mann, der sein Leben lang sein Herz auf der Zunge trägt immer wieder mit dem System in Konflikt. So hegt er spätestens ab 1965 Ausreisegedanken, deren hauptsächliche Ursache im Fernweh und der Sehnsucht nach Ausbruch aus den starren Verhältnissen lag.
Am 26. Mai 1968 schließlich ist es soweit: Nach einem Auftritt im Reichsbahnausbesserungswerk Wannsee für eine FDJ-Wahlveranstaltung entflieht Schöne seiner ostdeutschen Heimat.
"Also als Kind in der DDR aufgewachsen zu sein – ganz toll. Ich hatte eine wunderbare Kindheit, eine tolle Schulbildung und eine wunderbare Schauspielschule, alles wunderbar. Aber als Erwachsener musste ich doch raus; es wurde mir ein bisschen eng."



Nach einem Kurzaufenthalt im Notaufnahmelager Marienfelde führt Schönes Weg zwei Wochen später ins bayrische München. Der Zeitpunkt war wie perfekt gewählt, denn mitten im Vietnam-Krieg, der Achtundsechsziger-Bewegung und dem Prager Frühling erhielt er das Angebot für die "Rolle seines Lebens": die des Berger im Hippie-Musical "Haare" ("Hair"). Es war nicht nur die Initialzündung für seine westdeutsche Karriere, die nun scheinbar nahtlos dort ansetzte, wo sie in der DDR so abrupt endete, sondern auch das Tor in eine Welt voller neuer Gedanken, Impulse und Möglichkeiten. Neben einer weiteren Rolle im Musical "Jesus Christ Superstar" setzte er weitere musikalische Ausrufezeichen, indem er ein ganzes Album mit Konstantin Wecker schrieb und 1970 mit seinem Grand-Prix-Vorentscheid-Song "Allein unter Millionen" einen undankbaren zweiten Platz hinter Katja Ebsteins "Wunder gibt es immer wieder" ergatterte.
Zudem bekam er immer mehr Rollen in TV-Produktionen und Filmen, die ihn zuerst nach Deutschland, schließlich aber auch nach Italien und sogar in die USA führen. Er arbeitet mit Größen wie Lee van Cleef oder Clint Eastwood zusammen. Als er 1985 schließlich für die Disney-Produktion "Die Rückkehr zur Schatzinsel" in Großbritannien und Jamaika vor der Kamera steht, nutzt er dieses Engagement um seine Karriere in den USA neuen Auftrieb geben zu lassen.


Auch in den USA klimatisiert sich Schöne überraschend schnell, legt seinen Akzent ab und mit ihm einige deutsche Untugenden wie das Siezen. Er spielt Gastrollen in bekannten Serien wie "Agentin mit Herz", "Jake und McCabe", "Matlock", "Mord ist ihr Hobby" "Sliders" und "MacGyver". In der letztgenannten Serie empfiehlt sich die englische Tonspur der Folge "Die Mauer", in der Schöne den ehemaligen ostdeutschen Agenten Helmut Weise spielt. Nicht nur, dass es einen der wenigen Momente bei MacGyver darstellt, in dem man ein vernünftiges Deutsch hört – Schöne gelang es, seinem Charakter einen sächsischen Akzent zu verleihen, was der Rolle eine für MacGyver-Verhältnisse ungewohnte Authentizität verleiht.
Nicht minder erwähnenswert ist auch sein Gastauftritt als Minbari-Führer Dukhat in der Babylon-5-Episode "Das Traumorakel". Dabei ist diese Rolle eine Ausnahme der Regel, denn abgesehen vom sympathischen Captain jenes Schiffes, dass den missglückten Erstkontakt mit den Menschen herstellt, wurde Schöne zumeist als Bösewicht gecastet. Das sollte sich auch nicht wesentlich ändern, als es ihm gelang, eine Star-Trek-Rolle zu ergattern.


Dabei war Schöne bereits zweimal beim Vorsprechen gescheitert - eines davon übrigens für die Rolle des Jean-Luc Picards höchstpersönlich. Beim dritten Anlauf empfahl ihm seine Agentin zur Abwechslung 'in character' vorzuspielen, was Schöne besonders wortwörtlich nahm. Bei seinem Vorstellungsgespräch knurrt er die Anwesenden an, zerrt seine Einsprechhilfe aus dessen Sitzgelegenheit und schleudert einen Stuhl gegen die empfindlichen Leichtbauwände. Damit schafft er tatsächlich im dritten Anlauf eine Rolle in TNG zu bekleiden: Die des Esoqq in "Versuchskaninchen".
"Ich bin der einzige Deutsche, der bei Star Trek mitgetobt hat."
Nun, das vielleicht nicht, aber die Figur des Esoqq blieb den Fans nicht zuletzt aufgrund der qualitativ hochwertigen Folge in Erinnerung. Dafür wurde ihm allerdings auch eine aufwändige Maske verpasst, die jeweils drei Stunden zu Auftragen und noch einmal drei Stunden zum Entfernen benötigte.
Schöne genoss dennoch die Arbeit an unmittelbarer Seite Patrick Stewarts unter der Leitung des "angenehmen" Landsmannes Winrich Kolbe und schaffte es sogar, dem jungen Wil Wheaton am Set mit seinen Kontaktlinsen einen Schrecken einzujagen.



Zwar gelang es Schöne, mit Rollen in "Mortal Combat 2" oder "Ice Planet" noch einige nennenswerte Engagements zu erlangen, doch seine Zeit in Amerika endete abrupt, als seine langjährige Beziehung mit Alexandra Bogejevic in die Brüche ging, sein geliebter Hund verschwand und einer der Wachmänner auf seiner Ranch bei Los Angeles in seinem Schlafzimmer Selbstmord beging. Er kehrte nach Deutschland zurück, wo er in Berlin nicht nur eine neue Heimat, sondern auch eine neue Liebe fand und schließlich sogar eine Familie gründete. Er wirkt in zahlreichen deutschen Produktionen, unter den sein Auftritt in "(T)Raumschiff Surprise" im Hinblick auf seinen Star-Trek-Auftritt besonders erwähnenswert ist.



Zusätzlich zu seinem fortgesetzten musikalischen Wirken genießt Schönes fesselnde, tiefe Stimme hierzulande einen gewissen Kultstatus, denn als Synchronschauspieler gelang es ihm, einige ganz besondere Rollen zu besetzen, die ihm viel mehr als nur Werbeeinnahmen für Baumarkt-Spots bescherten. Als deutsche Stimme von Optimus Prime, Darth Vader, dem Green Goblin in "Spiderman", General Ross in "Hulk" oder Ivan Vanko in "Iron Man 2" hat er sich in die Ohren unzähliger Zuschauer geschlichen, die leider oft viel zu wenig über den Mann wissen, dessen Leben eigentlich selbst genügend Stoff für eine ganze Filmreihe bieten würde. Sein Buch "Werd ich noch jung sein, wenn ich älter bin" sollte jedenfalls in keiner Sammlung eines deutschen Star-Trek-Fans fehlen, denn es ist nicht nur höchst unterhaltsam, sondern auch Zeugnis einer spannenden deutsch-deutschen Biografie.
"Man merkt immer die Moderatoren und Interviewpartner sind immer so gut vorbereitet und dann erzählen sie mir immer so Sachen, tja, das hab ich alles erlebt… Das ist irgendwie toll. Ich bin auch sehr dankbar in meinen Nachtgebeten bedanke ich mich auch immer beim Herrn für das Leben was ich habe und wünsche mir dass es noch lange weitergeht, dass ich solange arbeiten kann, bis meine Kinder auf eigenen Füßen stehen."



Vorschau.
Im nächsten Teil unserer Reihe geht es um einen Vorreiter Winrich Kolbes, der eine der besten, aber auch eine der schlechtesten Folgen der Originalserie umsetzte. Es ist die Geschichte eines Mannes, dessen Vater bereits ein berühmter Regisseur war und der im Anschluss kaum gute Worte über einen der größten Darsteller Star Treks fand.


Quellen.
Hausmann, René: Reiner Schöne zu Gast. In: Hallo Brandenburg vom 28. April 2019, Video hier.
Imhof, Peter: Talk mit Reiner Schöne. In: MDR um 4, vom 8. Januar 2019, Video hier.
Schöne, Reiner: Werd ich noch jung sein, wenn ich älter bin. 2012, Hamburg.
Turon47: Der kleene Reiner aus Weimar – Reiner Schöne auf der NCC-1701-C, vom 18. Januar 2019, Blogbeitrag hier.

Weiterführende Leseliste.


Star Trek, Deine Deutschen, Teil 00: David Hurst.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 01: Franz Bachelin.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 02: Walter Gotell.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 03: Jesco von Puttkamer.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 04: Barbara Bouchet.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 05: Winrich Kolbe.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 06: Reiner Schöne.

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Star Trek, Deine Deutschen, Teil 05: Winrich Kolbe

Einleitung.
In Deutschland werden 2019 dreißig Jahre Mauerfall gefeiert und auch die Star Trek Tafelrunde "Hermann Darnell" aus Potsdam Babelsberg möchte diesem Ereignis mit einer ganz besonderen Reihe Tribut zollen, in der - inspieriert vom Leben des kürzlich verstorbenen David Hurst - Deutsche bei Star Trek näher beleuchtet werden. Dabei geht es weniger um Personen wie Levar Burton oder Jeri Ryan, die im Zuge von Militärstationierungen im amerikanischen Sektor Deutschlands das Licht der Welt erblickten. Oder Schauspieler wie Mark Allen Shephard oder Nancy Kovack, die mittlerweile in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Selbst deutsche Charaktere wie Keyla Detmer oder Carl Jaeger finden hier keine Erwähnung.
Stattdessen erzählen wir zwischen dem 3. Oktober und dem 9. November 2019 zwölf Geschichten über zu Unrecht hierzulande weniger bekannte Darsteller, Regisseure und anderweitig mit Film und Fernsehen verbundene Personen und deren Beziehung zu Deutschland und Star Trek. Dabei wollen wir zeigen, dass Deutsche stets entscheidend dabei halfen, Star Trek zu dem Kultobjekt zu formen, das es heute ist.


Winrich Kolbe.
Wenn man nach den beliebtesten Vornamen dieses Landes für Jungen sucht, so findet man reihenweise Maximilians, Bens oder Alexander. Einen Winrich kann man hingegen in entsprechenden Listen nicht finden.
Warum auch? Zu den berühmtesten Namensträgern zählen entweder mittelalterliche Hochmeister des Deutschen Ordens oder Guido-Knopp-TV-Experten mit schillernder Wehrmachts-Vergangenheit. Und natürlich der deutsche Regisseur Winrich Kolbe, dessen Namen wohl kaum jemand in seiner amerikanischen Wahlheimat korrekt aussprechen konnte, weswegen er häufig als 'Rick' angesprochen wurde. Doch selbst in seiner deutschen Heimat blieb sein Vorname ein Mysterium. In einer Sat-Eins-Sondersendung zum dreißigjährigen Jubiläum Star Treks wurde er den Fans in der Heimat gar als "Herbert" vorgestellt. Doch wer war der Mann mit dem problematischen Vornamen überhaupt?


Winrich Ernst Rudolf Kolbe wurde am 9. August 1940 geboren, aber nicht irgendwo in einer größeren oder kleineren deutschen Stadt, sondern in der damals von der Wehrmacht besetzten niederländischen Hauptstadt Amsterdam. Die Familie kehrte nach Westdeutschland zurück, wo Kolbe im Wirtschaftswunderland aufwuchs (einem Interview mit Kate Mulgrew zufolge lebte seine Mutter Ende der Neunziger in Bonn). Schließlich aber führte ihn – wie seinen Landsmann Franz Bachelin einige Jahrzehnte zuvor – ein Architekturstudium in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.



Nach seiner Ankunft in Los Angeles erkannte er jedoch schnell, dass das Studium der Architektur keineswegs die Erfüllung mit sich brachte, die er erhofft hatte. So wechselte er ins Filmstudium über und erlangte in diesem Metier 1971 einen Abschluss der University of California (UCLA). Da er seit 1968 ebenfalls die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hatte, wurde er in die amerikanischen Streitkräfte einberufen. Wie so viele seiner neuen Kameraden wurde Kolbe nach Vietnam verbracht, wo sich die USA in einen aussichtslosen Stellvertreterkrieg verrannt hatten. Er diente an vorderster Front als Aufklärer einer Artillerieeinheit, bevor er schließlich nach Ablauf seiner Wehrdienstzeit nach Los Angeles zurückkehrte.


Bei Universal begann er zunächst als Produktionsassistent und Produzent zu arbeiten, bevor er seinen Regieeinstand 1977 im amerikanischen Fernsehgeschäft gab. Nach einer Reihe überschaubarer Episoden für unterschiedliche Serien gelang ihm ein Jahr später schließlich der Durchbruch mit seiner Regiearbeit an einer Folge der Science-Fiction-Serie namens "Kampfstern Galaktika". Im Anschluss beschloss Kolbe, Universal zu verlassen und hauptberuflich als Regisseur zu arbeiten. Als er 1988 zur zweiten Staffel TNG zum Mitarbeiterstab von Star Trek stieß, verfügte er bereits über ein beeindruckendes Portfolio mit Regie-Tätigkeiten in Serien wie "Detektiv Rockford", "Magnum", "Ein Colt für alle Fälle", "CHiPs" , "T.J. Hooker" (mit William Shatner), "Agentin mit Herz", "Knight Rider", "Spenser" oder Hawk" (mit Avery Brooks).
Doch was machte Winrich Kolbe zu einem so begehrten Regisseur?


Vor allem seine deutsche Gründlichkeit.
Kolbe war bei Produzenten bekannt dafür, sich akribisch auf seine Drehs vorzubereiten und ein immenses technisches Fachwissen mitzubringen. Er war ein ein Organisationstalent und Perfektionist, der sich selbst mit dem besten Farbton für die Kulissen auseinandersetzte und ein trainiertes Auge für außergewöhnliche Einstellungen hatte.
Vor allem aber schätzten sie an ihm seine Fähigkeit, den mitunter sehr starren Vorgaben der Produzenten Folge zu leisten selbst mit widrigsten Umständen professionell umzugehen. So meisterte er den Umstand, dass bei Star-Trek-Episoden zu Drehbeginn kaum ein fertiges Skript zur Verfügung stand stets mit Bravour. Mehr noch; er hatte die seltene Gabe, Drehzeiten einzuhalten und dem Studio sogar noch Geld zu sparen. So hinkte etwa aus diversen externen Umständen der Drehplan zur TNG-Episode "Versuchskaninchen" bereits zu Beginn des Drehs um zwei Tage zurück, doch Kolbe gelang es zur allgemeinen Überraschung nicht nur, die veranschlagte Zeit einzuhalten, sondern auch noch unterhalb des ursprünglich veranschlagten Budgets zu bleiben.
Dafür waren aber auch Arbeitstage mit einer Dauer von siebzehn Stunden keine Seltenheit unter seiner Ägide und er schaffte es häufig, die beachtliche Menge von sieben bis acht Seiten Drehbuch pro Tag umzusetzen.


Dennoch erfreute sich der wegen seines Akzents von vielen Darstellern auch als der "Baron" bezeichnete Regisseur auch bei den Schauspielern großer Beliebtheit. Zum einen ging er trotz der hohen Arbeitsbelastung stets mit bestem Beispiel voran und zum anderen war er bekannt dafür, seine Arbeit permanent durch seinen Humor aufzulockern (was eigentlich international nicht unbedingt zu den großen deutschen Stärken gezählt wird). Schauspieler wie Marina Sirtis oder Michael Dorn schätzten sein Bemühen, stets das Beste aus ihren Darstellungen herauskitzeln zu wollen, sich auf Diskussionen einzulassen und seine Darsteller motivieren zu können. Vor allem zu Rick Berman und Brannon Braga konnte der Mann, der vor allem Geschichten erzählen wollte, für die ihm die Geduld zum Schreiben fehlte, eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen, die in erster Linie in der Verlässlichkeit aller Parteien aufeinander gründete.


Zu Star Trek gelange Winrich Kolbe im Zuge der zweiten Staffel, wo er mit "Illusion oder Wirklichkeit" sein Debüt gab. Dabei hinterließ er einen positiven Eindruck, so dass er für zwei weitere Folgen der Staffel ("Brieffreunde" und "Planet der Klone") engagiert wurde. Damit hatte er einen Fuß in der Tür. In der dritten Staffel folgten "Die Macht der Naniten", "Mutterliebe" und seine erklärte Lieblingsfolge "Versuchskaninchen", die er vor allem wegen der engen Arbeit mit Patrick Stewart schätzte. Es schlossen sich zahlreiche weitere Engagements wie "Die Begegnung im Weltraum", "Der unbekannte Schatten", "Das künstliche Paradies", "Hochzeit mit Hindernissen", "Der unmoralische Friedensvermittler", "Der Moment der Erkenntnis, Teil I", "Der rechtmäßige Erbe" oder "Radioaktiv" an. Eine der beliebtesten Episoden unter seiner Leitung blieb allerdings "Darmok", auch wenn er den Prozess als schwierig empfand:
"Können Sie sich vorstellen, Sie müssen einen Artikel in Russisch schreiben und Sie können kein Wort russisch? So ähnlich ging es mir. Ich hatte zwar eine Übersetzung des Dialogs, aber trotzdem kam ich mir vor, als ob ich bei einem russischen Film Regie führen würde, ohne auch nur ein Wort von dem, was geredet wird zu verstehen. Aber ich habe mich da durchgeboxt. Daher war es eine doppelte Herausforderung für mich."
Seinen endgültigen Ritterschlag erwarb Kolbe schließlich mit dem Angebot, das Serienfinale "Gestern, Heute, Morgen" zu leiten, auch wenn die Folge aus seiner späteren Sicht einige handwerkliche Makel aufwies und sich der Drehprozess aufgrund massiver interner Schwierigkeiten problematisch gestaltete.


Anderseits könnte man auch argumentieren, dass der 'Ritterschlag' Kolbes bereits mit Deep Space Nine begann, denn in der ersten Staffel wurden ausschließlich erfahrene und bewährte Regisseure aus der Vorgängerserie berücksichtigt. Auch hier brachte sich Kolbe auf unterschiedliche Weise ein. Während er mit der Besetzung Garaks durch Andrew Robinson zunächst wenig zufrieden war, änderte er jedoch seine Meinung, als er für seine erste DS9-Episode "Die Khon-Ma" mit ihm zusammenarbeitete. Für die Episode "Der Blutschwur" spielte er Richard Wagners "Götterdämmerung" ein, um die Beteiligten in die richtige Stimmung für eine epochale Schlacht zu versetzen. Debra Wilson durfte in "Der Klang ihrer Stimme" die anderen Darsteller aufgrund seiner Intervention erst kennenlernen, nachdem die Dreharbeiten abgeschlossen worden waren. Und in "Die Schlacht von AR-558" konnte er seine eigenen Erfahrungen als Soldat im Vietnamkrieg in seine Arbeit miteinfließen lassen. Darüber hinaus war er ebenfalls für "Der Steinwandler", "Die Heimkehr", "Die Belagerung", "Das Melora-Problem", "Durch den Spiegel", "Unser Mann Bashir", "Ein kühner Plan" und "Bis daß der Tod uns scheide" verantwortlich.


Schließlich könnte man seinen 'Ritterschlag' auch erst bei Voyager ansetzen, wo Kolbe die erste Wahl für die Umsetzung des Pilotfilmes "Der Fürsorger" war – nicht zuletzt, weil seine Fähigkeiten hier einen wahnsinnig großen Beitrag zum gelungen Start der fünften Star-Trek-Serie bildeten. Obwohl der Regisseur zunächst sehr angetan vom Gedanken war, mit der renommierten Schauspielerin Geneviève Bujold als Captain Nicole Janeway zu arbeiten, setzte rasch Ernüchterung ein, als Kolbe als einer der ersten erkennen musste, dass die Schauspielerin nicht in der Lage war, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Ihm gegenüber offenbarte die Kanadierin schließlich nach nur wenigen Drehtagen, das Handtuch schmeißen zu wollen.
Dieser Umstand machte dem Drehleiter das Leben zusätzlich schwer, denn obwohl rasch mit Kate Mulgrew ein weitaus besserer Ersatz gefunden wurde, musste Kolbe infolge die Umsetzung der fünften Episode "Transplantationen" bewerkstelligen, sich gleichzeitig auf die siebente Folge "Das Nadelöhr" vorzbereiten und die restlichen Szenen des Pilotfilmes abdrehen (nachdem sich das Desaster abgezeichnet hatte, gelang es Kolbe immerhin bereits, die Szenen ohne Captain abzufilmen). Er führte Regie in einer Vielzahl von Folgen wie "Von Angesicht zu Angesicht", "Elogium", "Der Namenlose", "Die Resistance", dem Zweiteiler "Kampf ums Dasein", "Das Erinnern", "Skorpion, Teil II", "Furcht und Hoffnung", "Dreißig Tage", "Der Fight", "Die Zähne des Drachen", "Der gute Hirte", "Das Rennen" und "Verdrängung".
Vor allem aber blieb die Zeit bei Voyager für ihn von besonderer Bedeutung, weil er eine Beziehung mit niemand geringerem als der Hauptdarstellerin Kate Mulgrew einging. Doch auch, wenn sie einige Brocken Deutsch für ihn lernte und sich sogar die Mütter der beiden in Deutschland trafen, fiel Mulgrews Erinnerung an Kolbe eher verhalten aus. Denn auch wenn sie sich auch nach der 1998 beendeten Beziehung stets respektvoll über ihn äußerte, erwähnte sie Winrich Kolbe in ihrer Autobiografie "Born with Teeth" höchstens als Regisseur, nicht aber als Liebhaber (was insofern verwunderlich scheint, als dass das gesamte Buch voll von Ausführungen über ihre diversen Beziehungen ist).


Bereits während seiner Zeit am Set von Voyager versuchte er sich wieder mehr zu differenzieren. Er nahm Regiearbeiten bei anderen Serien wie "Hunter", "Superman - Die Abenteuer von Lois und Clark", "JAG – Im Auftrag der Ehre", "Millennium", "Angel", "24" oder "Twilight Zone" an, um auch bei anderen Studios im Gedächtnis zu bleiben, nicht zuletzt weil er frühzeitig erkannte, dass Star Trek in eine kreative Einbahnstraße geraten war.
"Manchmal sage ich in einem Moment der Wut oder der Enttäuschung, dass Star Trek wie versteinert ist – insbesondere, wenn mich ein schlechtes Drehbuch erreicht. Aber es ist eben fast schon eine Instititution, der Stil hat sich kaum verändert. Ich habe es bei Voyager versucht, aber ich war nur teilweise erfolgreich was die Bildsprache angeht. […] Ich denke, dass ein Teil des Problems auch die ausgebrannten Drehbuchautoren sind. […] Wie oft kann man ein und die selbe Geschichte wieder und wieder erzählen?"


Mit seiner Regiearbeit an der Enterprise-Episode "Lautloser Feind" verabschiedete er sich im Jahr 2001 schließlich endgültig von Star Trek. Der beliebte Deutsche war mit fünfzig Episoden hinter David Livingston (62 Episoden) der Regisseur mit den zweitmeisten Regiearbeiten bei Star Trek, dessen Arbeit sich über alle vier Star-Trek-Serien der zweiten Generation erstreckte.
Er zog sich 2003 in den wohlverdienten Ruhestand zurück, bevor er 2005 eine Lehrstelle am Savannah College of Art and Design in Georgia antrat. Allerdings musste er sich bereits 2007 aus gesundheitlichen Gründen von diesem zurückziehen. Winrich Kolbe verstarb schließlich 2012 in Kalifornien im Alter von zweiundsiebzig Jahren.


Sein Leben lang blieb er recht bescheiden und konnte weder mit seiner Arbeit, noch mit deren Folgen viel anfangen. Seine eigenen Episoden sah er sich vor allem deshalb ungern an, weil ihm als Perfektionisten immer wieder Kleinigkeiten auffielen, die man hätte besser machen können. Vor allem aber Conventions und dem Star-Trek-Fanrummel konnte Kolbe kaum etwas abgewinnen und sagte entsprechenden Anfragen stets ab.
Ähnlich entschieden äußerte sich Winrich Kolbe auch über seine deutsche Heimat, als er in einem Interview zu seiner Arbeit an der Voyager-Episode "Die Resistance" Auskunft gab und dabei klare Worte über den Schrecken fand, der von deutschen Boden ausgegangen ist. Seine Ausführungen haben dabei auch noch seinem Tod nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.
"Ich denke als Deutsche haben wir eine einzigartige historische Verantwortung sicherzustellen, dass etwas derartiges niemals wieder geschieht. Wenn wir es richtig angehen, kann das ein Wegweiser für uns sein."

Vorschau.
Im nächsten Teil unserer Reihe geht es um einen Schauspieler, der aus der DDR in den Westen floh und sich schließlich auch jenseits des Großen Teiches als deutscher Schauspieler einen Namen gemacht hat. Dabei sächselte er in MacGyver, wurde in Babylon 5 von den Menschen getötet und warf mit Stühlen um sich, um endlich eine Star-Trek-Rolle zu ergattern…

Quellen.

Altman, Mark A.; Gross, Edward: Captain's Logbuch. London, 1993.
Altman, Mark A.; Gross, Edward: Captain's Logbuch II. London, 1993.
Altman, Mark A.; Gross, Edward: Deep Space Logbuch. London, 1994.
Poe, Steven Edward: A Vision of the Future. Star Trek Voyager. New York, 1998, S. 299ff.
Mulgrew, Kate: Born with Teeth. New York, 2015.
Schuman, Beth: Winrich Kolbe. In: Voyager Now Newsletter vol. III, Nr. 01, Website hier.

Weiterführende Leseliste.

Star Trek, Deine Deutschen, Teil 00: David Hurst.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 01: Franz Bachelin.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 02: Walter Gotell.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 03: Jesco von Putkamer.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 04: Barbara Bouchet.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 05: Winrich Kolbe.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 06: Reiner Schöne.

Samstag, 12. Oktober 2019

Star Trek, Deine Deutschen, Teil 04: Barbara Bouchet

Einleitung.
In Deutschland werden 2019 dreißig Jahre Mauerfall gefeiert und auch die Star Trek Tafelrunde "Hermann Darnell" aus Potsdam Babelsberg möchte diesem Ereignis mit einer ganz besonderen Reihe Tribut zollen, in der - inspieriert vom Leben des kürzlich verstorbenen David Hurst - Deutsche bei Star Trek näher beleuchtet werden. Dabei geht es weniger um Personen wie Levar Burton oder Jeri Ryan, die im Zuge von Militärstationierungen im amerikanischen Sektor Deutschlands das Licht der Welt erblickten. Oder Schauspieler wie Mark Allen Shephard oder Nancy Kovack, die mittlerweile in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Selbst deutsche Charaktere wie Keyla Detmer oder Carl Jaeger finden hier keine Erwähnung.
Stattdessen erzählen wir zwischen dem 3. Oktober und dem 9. November 2019 zwölf Geschichten über zu Unrecht hierzulande weniger bekannte Darsteller, Regisseure und anderweitig mit Film und Fernsehen verbundene Personen und deren Beziehung zu Deutschland und Star Trek. Dabei wollen wir zeigen, dass Deutsche stets entscheidend dabei halfen, Star Trek zu dem Kultobjekt zu formen, das es heute ist.


Barbara Bouchet.
Denkt man als Deutscher an berühmte italienische Schauspielerinnen fallen einem vielleicht noch bekannte Namen wie Sophia Loren oder Gina Lollobrigida ein, aber dann wird es auch schon schwierig, denn obwohl das italienische Kino international einen guten Ruf genießt, gelingt deren Schauspielerinnen aufgrund der Sprachbarriere leider nicht allzu oft der Sprung über den Großen Teich und damit zu Weltruhm.
Wenn sich da auch noch die Frage nach einer bekannten Italienerin stellt, die eine Nebenrolle in der Originalserie Star Treks bekleidete, wird man eher auf Zurückhaltung stoßen. Vor allem, wenn diese Italienerin eigentlich eine Deutsche ist. Auch wenn das nur ein Mosaikstein in einer Biografie bleibt, die von Tschechien nach Deutschland und über die USA nach Italien reicht.


Als Bärbel Gutscher (laut einigen Quellen auch Goutscher, Goutscherola oder eventuell Goutscherova) am 15. August 1943 in Reichenberg im Sudetenland geboren wird, tobt in Europa der zweite Weltkrieg. Als der in einer vernichtenden Niederlage für Nazi-Deutschland endet, ändert sich auch schlagartig das gesamte Leben des jungen Mädchens. Reichenberg wird als Liberec Teil der Tschechoslowakei und die Familie, die vor Ort das Adria-Kino (dieses war bis 1939 im Besitz von jüdsichen Eigentümern) betrieb, wird über Nacht heimatlos. Ihr Weg führt ins westdeutsche Bayern, wo die Familie sich schließlich in der Landeshauptstadt München niederlässt. In einem Kino schaut sich die junge Bärbel "Der schweigende Engel" mit der zwei Jahre jüngeren Christine Kaufmann an und beschließt, ebenfalls Schauspielerin zu werden.


Doch zunächst führt das Schicksal die Familie in völlig neue Gestade. Nachdem einem langwieriges Auswanderungsgesuch von den Behörden endlich stattgegeben wird, landet die Familie 1956 im kalifornischen San Francisco.
Hier beginnt der Aufstieg der Teenagerin. Zunächst tanzt sie sechsmal wöchentlich in einer Tanz-Show eines Lokalsenders zu aktuellen Hits vor der Kamera. Schließlich aber gelangt 1959 ein Bild von ihr, dass ihr Vater – ein gelernter Fotograf – geschossen hatte, in die Endauswahl eines Schönheitswettbewerbs, der als Werbemaßnahme für einen Film mit dem (späteren) deutschen Titel "April entdeckt die Männer" aufgezogen wird. Die Fünfzehnjährige gewinnt den Titel der Miss "Gidget" (so der englischsprachige Titel des Teenie-Streifens) und damit nicht nur (erfolglose) Probefilmaufnahmen, sondern auch ein Abendessen mit dem jungen Star des Filmes: einem vielversprechenden jungen Mann namens James Darren.
Ein junger Vic Fontaine am Beginn seiner Karriere
Als sie 1962 endlich volljährig wird, zieht sie von San Francisco nach Los Angeles, aber nicht, um ins Filmgeschäft einzusteigen, sondern um als Modell zu arbeiten. Dabei schreckte sie auch nicht davor zurück nackte Haut zu zeigen und landete bereits im Mai 1965 das erste – aber keineswegs das letzte Mal in ihrer Karriere - im Playboy. Insofern kann man sie als Vorreiterin Denise Crosbys sehen, die vor ihrem Engagement bei TNG ebenfalls in dem prominenten Herrenmagazin abgebildet wurde.
Außerdem ändert sie ihren Namen zu Barbara Bouchet; zum einen, weil der deutsche Name vielen englischsprachigen Auftraggebern Schwierigkeiten bereit und zum anderen, weil der Klang noch immer an ihren ursprünglichen Namen erinnert.


Zudem beginnt sie schnell, erste kleinere Film- und Fernsehrollen zu ergattern. Ihren Durchbruch schafft 1965 mit einer Nebenrolle in "Erster Sieg" an der Seite von Kirk Douglas und John Wayne. Zu ihren bekanntesten Filmen zählt schließlich der Kassenerfolg "Casino Royal", eine Bond-Persiflage, für die die Rechte am gleichnamigen Fleming-Roman erworben wurden und in der sie Mrs. Moneypenny verkörpert. Im Anschluss folgten verschiedene Nebenrollen in kleineren Serien wie "Die Leute von der Shiloh-Ranch" (1967), "Tarzan" (1968) oder "Raumschiff Enterprise": Der Dreh für die Folge "Stein und Staub", die sich heute unter Fans großer Beliebtheit erfreut fand zwischen  10 bis 17. November 1967 statt.


Dabei war Barbara Bouchet eine Frau nach Gene Roddenberrys Geschmack: Ein Playmate, dass keine Probleme damit hatte, in eines der hautengen Kostüme aus der Hand William Ware Theiss' zu schlüpfen. Und auch für die vierundzwanzigjährige Darstellerin war die Serie laut eigener Aussage in vielfacher Sicht erfolgversprechend:
"Ich erinnere mich daran, dass ich Star Trek für eine erfolgreiche Show hielt. Ich denke, dass ich deswegen vorsprach. Meine einzige Erinnerung daran ist die an William Shatner. Ich war in ihn verschossen und bin ein paar Mal mit ihm ausgegangen."


Doch schon zwei Jahre später bricht Bouchet sämtliche Zelte in Hollywood ab, um ihr Glück an einem ganz anderen Ort völlig neu zu suchen. Nachdem ihr Agent ihm empfohlen hatte, für den Dreh des von der Kritik hochgelobten Filmes "Colpo Rovente" (im englischen als "The Syndicate: A Death in the Family" bekannt) nach Italien zu reisen, verliebt sie sich in das Land, die Farben und die Leute.
Sie trifft 1973 den erfolgreichen Produzenten Luigi Borghese, den sie ein Jahre später heiratet und schließlich bringt sie 1976 ihren ersten Sohn Alessandro zur Welt, der heute als eine Art italienischer Jamie Oliver die dortige Fernsehlandschaft bereichert.

Bouchet in "Gangs of New York"
Ihre schauspielerische Karriere auf italienischem Boden wird zunächst von einer Vielzahl von Erotikfilmen, Erotikthrillern oder Erotikkomödien bestimmt, die so vielsagende deutsche Titel wie "Sein Schlachtfeld war das Bett" (1971), "Lollipops und heiße Höschen" (1976) oder "Ein total versautes Wochenende" (1979) tragen.
Vor allem aber ist sie prominent im Kultstreifen "Milano Kaliber 9" (1972) zu sehen, der mit seinen expliziten Darstellungen von Sex und Gewalt zu einer der zentralen Inspirationsquellen Quentin Tarentinos zählt. Der Regisseur nutzte gar 2004 bei einem Filmfestival in Venedig die Gelegenheit, der Schauspielerin persönlich zu gestehen, welch großen Einfluss sie im Besonderen auf sein Schaffen hatte (andere Gerüchte besagen, dass er gar seine Teilnahme am Festival von einem Treffen mit ihr abhängig gemacht haben soll).


Anfang der Achtziger bricht Barbara Bouchet allerdings radikal mit dem Image der Sex-Ikone und wendet sich seriöseren Projekten zu. Unter anderem erlangte sie mit der Produktion von Fitness- und Aerobic-Videos nationale Prominenz. Bis heute arbeitet die unter anderem als "Jane Fonda Italiens" bezeichnete Bouchet als Künstlerin und Schauspielerin (so hatte sie 2002 einen Auftritt in "Gangs of New York"), zumal ihre Rente laut eigener Aussage gerade einmal 511€ beträgt..
Darüber, wo sich die gebürtige Deutsche mit Wurzeln in Tschechien und einer amerikanischen Jugend zuhause fühlt, lässt sie allerdings keinen Zweifel, auch wenn sie aus den Stationen ihres Lebens mehr oder weniger mitgenommen hat.
"Von den Deutschen habe ich meinen Sinn für Pünktlichkeit und Ordnung erhalten, von den Italienern hingegen meinen Sinn für Humor und Fröhlichkeit. Von den Amerikanern habe ich nur sehr wenig angenommen. Ich fühle mich als Italienerin, zumal ich mittlerweile länger in Italien als irgendwo anders gelebt habe."


Vorschau.
Im nächsten Teil geht es um einen Filmemacher, der erste Erfolge mit einer ganz anderen Science-Fiction-Serie feierte, bevor er zu einem der beliebtesten Serienregisseure der Achtziger Jahre aufstieg und schließlich zu einem der vielbeschäftigsten Mitarbeiter bei Star Trek wurde. Er begann eine Beziehung mit einer bekannten Hauptdarstellerin, auch wenn die ihn in ihrer Biografie kaum erwähnt...

Quellen.
Alberti, David Giancritofaro: Barbara Bouchet: Mi sento italiana, decisi io di prendermi una pausa di 20 anni. In: Il Sussudiario, Website hier [10. Oktober 2019]
Boccalini, Siria: Intervista a Barbara Bouchet. In: GossipOne, Website hier. [10. Oktober 2019]
Bouchet, Barbara: Official Site, Website hier. [10. Oktober 2019]
Corriere della Serra (Hrsg.): Barbara Bouchet: Viva con 511 Euro, Website hier. [10. Oktober 2019]
Cushman, Marc; Osborn, Susan: These Are the Voyages. TOS: Season Two. San Diego, 2014, S. 498ff.
di Giulio, Alessio: Barbara Bouchet in Liberec. In: Progretto Repubblica Ceca, Website hier. [10. Oktober 2019]
Glamour Girls of the Silver Screen (Hrsg.): Barbara Bouchet, Website hier. [10. Oktober 2019]

Weiterführende Leseliste.

Star Trek, Deine Deutschen, Teil 00: David Hurst.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 01: Franz Bachelin.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 02: Walter Gotell.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 03: Jesco von Putkamer.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 04: Barbara Bouchet.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 05: Winrich Kolbe.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 06: Reiner Schöne.

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Star Trek, Deine Deutschen, Teil 03: Jesco von Puttkamer

Einleitung.
In Deutschland werden 2019 dreißig Jahre Mauerfall gefeiert und auch die Star Trek Tafelrunde "Hermann Darnell" aus Potsdam Babelsberg möchte diesem Ereignis mit einer ganz besonderen Reihe Tribut zollen, in der - inspieriert vom Leben des kürzlich verstorbenen David Hurst - Deutsche bei Star Trek näher beleuchtet werden. Dabei geht es weniger um Personen wie Levar Burton oder Jeri Ryan, die im Zuge von Militärstationierungen im amerikanischen Sektor Deutschlands das Licht der Welt erblickten. Oder Schauspieler wie Mark Allen Shephard oder Nancy Kovack, die mittlerweile in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Selbst deutsche Charaktere wie Keyla Detmer oder Carl Jaeger finden hier keine Erwähnung.
Stattdessen erzählen wir zwischen dem 3. Oktober und dem 9. November 2019 zwölf Geschichten über zu Unrecht hierzulande weniger bekannte Darsteller, Regisseure und anderweitig mit Film und Fernsehen verbundene Personen und deren Beziehung zu Deutschland und Star Trek. Dabei wollen wir zeigen, dass Deutsche stets entscheidend dabei halfen, Star Trek zu dem Kultobjekt zu formen, das es heute ist.



Jesco von Puttkamer.
Wenn man von einem 'adeligen deutschen Raketenwissenschaftler in US-Diensten' hört, schrillen wohl zu Recht beim ein oder anderen Leser die Alarmglocken. Immerhin war ein gewisser Wernher von Braun ein unumstritten zentraler Charakter für die Geschichte der Raumfahrt, aber im gleichen Atemzug drohen auch stets seine Bereitwilligkeit mit dem nationalsozialistischen Regime anzubändeln, seine Beteiligung an der Entwicklung und Herstellung der todbringenden V2-Wunderwaffe oder seine Verantwortung für den Tod zahlreicher KZ-Häftlinge in Peenemünde sowie Mittelbau-Dora im Anblick seiner Verdienste ins Hintertreffen zu geraten.
Tatsächlich aber soll es gar nicht um diesen Raumfahrtpionier mit den dunklen Flecken auf seiner Vita gehen, sondern um seinen illustren Nachfolger Jesco von Puttkamer.



Das pommersche Adelsgeschlecht derer von Puttkamer hat einige prominente Mitglieder vorzuweisen, unter denen die Ehefrau Otto von Bismarcks, Johanna von Puttkamer die wohl bekannteste Vertreterin ihrer Familie sein dürfte. Aber die dem preußischen Militärstaat treu ergebenen Freiherren haben als U-Boot-Kommandant, Stadtkomandant des ukrainischen Charkow oder Marine-Adjudant Hitlers ebenfalls eine unrühmliche Rolle in der dunkelsten Epoche der deutschen Geschichte gespielt.
Davon allerdings blieb Jesco Hans Heinrich Max Freiherr von Puttkamer nicht zuletzt dadurch verschont, dass er am 22. September 1933 in Leipzig das Licht der Welt erblickte und den Großteil seiner Jugend fernab von Kriegsgeschehen in der neutralen Schweiz verbrachte.


Jesco von Puttkamer erhielt 1952 in Konstanz sein Abitur, um im Anschluss darauf an der THW Aachen Maschinenbau zu studieren. Dann erfolgte ein kometenhafter Aufstieg des jungen Ingenieurs, der ihn bis an die Spitze der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA katapultierte.
Federführend war dabei vor allem ein Mann: Wernher von Braun. Nachdem ihm von Puttkamer nämlich geschrieben hatte, um ihn von seiner Absicht zu unterrichten, auszuwandern und in der freien Wirtschaft der USA Fuß fassen zu wollen, bevor er sich bei seinem Team bewerben wollte, zögerte von Braun nicht. Er telegrafierte umgehend zurück und bot dem jungen Hochschulabsolventen an, mit ihm zusammen in Huntsville (Alabama) am Apollo-Programm zu arbeiten. Ab Mitte 1962 arbeitete er zunächst am Lunar Lander, dann im Team für die Saturn-5-Raketen und schließlich für die ersten Shuttleflüge. Als der erste Mensch 1969 auf dem Mond landete, war von Puttkamer im NASA-Kontrollzentrum an vorderster Front Zeuge dieses denkwürdigen Moments der Menschheitsgeschichte. Ab 1974 wurde er in die Führungsetage der NASA nach Washington berufen, wo der als Stratege die langfristigen Ziele und Planungen der NASA betreute. So war er einer der Verantwortungsträger für die internationale Raumstation ISS und einer der aktivsten Befürworter eines bemannten Marsfluges und einer Besiedelung des roten Planeten lange vor Elon Musk.


Als Experte für den russischen Raumflug war er eine der federführenden Kräfte bei der Kooperation von USA und Russland nach dem Kalten Krieg und blieb seiner deutschen Heimat trotz einer gewissen Enttäuschung über den Zustand des Bildungswesens als Honorarprofessor seiner Alma Mater oder beliebter Fernsehexperte treu.
Seinem langjährigen Förderer Wernher von Braun gegenüber blieb der 1967 zum amerikanische Staatsbürger erklärte Mann mit dem starken deutschen Akzent trotz zunehmender Kritik jedoch stets loyal und verteidigte dessen Arbeit für die Nazi oft als Jugendsünde oder alternativlos.
Als dienstältester Mitarbeiter der Raumfahrtbehörde verbrachte er stolze fünfzig Jahre innerhalb der NASA und hätte sicherlich noch weitere Jahre unermüdlich und voller Leidenschaft für die Organisation gearbeitet, wenn er nicht am 27. Dezember 2012 in Alexandria (Virginia) an den Folgen einer grippeähnlichen Krankheit so plötzlich wie unerwartet verstorben wäre.


Was aber hat die fraglos spannende Vita dieses Mannes mit Star Trek zu tun, mag sich an dieser Stelle der ein oder andere Leser zu Recht fragen.
Nun, von Puttkamer war auch ein Science-Fiction-Autor. Noch während seines Studiums verfasste er utopischen Literatur unter Titeln wie "Der unheimliche vom anderen Stern" (1958), "Das schlafende Universum" (1960) oder "Das Zeit-Manuskript" (1961) für die Groschenhefte von Terra oder Moewig – vor allem um sich als Student ein Zubrot zu verdienen und sein Auto unterhalten zu können.
Nachdem er in die USA übergesiedelt war, machte er spätestens 1976 zur Taufe des Space Shuttles mit dem wohlklingenden Namen 'Enterprise' die Bekanntschaft mit dem Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry, der sich seines Zeichens gern mit dem Renommee und der Freundschaft zu anderen Science-Fiction-Experten wie Isaac Asimov oder Ray Bradbury schmückte.
Im Zuge dieser Freundschaft erschien 1978 gar eine Kurzgeschichte von Puttkamers namens "Der schlafende Gott" in einer Star-Trek-Anthologie namens "Galaxis in Gefahr!", auch wenn diese bei Lichte besehen kaum etwas anderes als eine gekürzte Neuauflage seiner 1960 bereits in Deutschland veröffentlichten Geschichte "Die Reise des schlafenden Gottes" im Star-Trek-Mantel darstellte.


Den größten Einfluss auf Star Trek erhielt Jesco von Puttkamer allerdings ein Jahr später, als der von DeForest Kelley als 'Jessie' getaufte Deutsche von Gene Roddenberry kurzerhand zum wissenschaftlichen Berater für "Star Trek: Der Film" ernannt wurde. Sieht man sich den Film heute an, so sind es in erster Linie von Puttkamers Vorstellungen von Warpgeschwindigkeit und seine Interpretation von Wurmlöchern, die heute noch im Film ablesbar sind. Wer sich also über jene Szene zu Beginn des Filmes wundert, in denen das Wurmloch so gar nichts mit dem zu tun hat, was man später aus TNG oder DS9 kennt: Genau jene denkwürdigen Szenen in Slow-Motion-Form verdanken wir einem Landsmann!


Doch damit nicht genug.
Auch die deutsche Übersetzung des Romans zum Film stammt aus der Feder Jesco von Putkamers. Leider war der Wahlamerikaner nicht allzu sehr mit der deutschen Synchronisation in seiner Heimat vertraut, weswegen die Übersetzung heutzutage etwas weniger zugänglich als andere frühe Star-Trek-Romane wirkt. Auf ihn geht außerdem der Slogan "The Human Adventure is just beginning." zurück, der kurz vor dem Abspann des Filmes zu sehen ist.


Zu guter Letzt war seine Raumfahrt- und Technikexpertise einigen Produzenten des Films offensichtlich nicht gut genug. Um sie von der Daseinsberechtigung einer sich selbst bewussten künstlichen Intelligenz zu überzeugen, bedurfte es zusätzlich eines Penthouse-Interviews (!) mit seinem NASA-Kollegen Robert Jastrow und seine Position musste er sich schließlich mit Isaac Asimov teilen, den Roddenberry ebenfalls für den Posten des wissenschaftlichen Beraters in gewonnen hatte.
Jesco von Puttkamers Karriere bei Star Trek endete schließlich ähnlich schnell wie sie begann. Nachdem Gene Roddenberry als Sündenbock für die Fehlentwicklungen des ersten Kinofilms ausgemacht und für die kommenden Kinofilme auf den relativ unbedeutenden Posten eines Produzenten verbannt wurde, verschwanden mit ihm auch viele ehemalige Wegbegleiter aus dem Umfeld des Produktionsstabes. Unter ihnen auch von Puttkamer, der allerdings im Gegensatz zu dem ein oder anderen Kollegen keine Schwierigkeiten gehabt haben dürfte, seinem Traum von einer Zukunft der Menschheit im Weltraum zu folgen.


Vorschau.

In der nächsten Folge berichten wir von einer Frau, die in gewisser Hinsicht Denise Crosby den Weg bereitete, ein Date mit James Darren gewann und schließlich in Italien ihr Glück fand. Eine Frau, die Quentin Tarentinos Arbeit entscheindend mitbeeinflusste und dennoch heute eine Rente von gerade einmal 511€ erhält...

Quellen.
Culbreath, Myrna; Marshak, Sandra (Hrsg.): Galaxis in Gefahr!, München, 1989.
Greenberger, Robert: Star Trek. The Complete Unauthorized History, Mineapolis, 2012, S. 101.
Remmers, Alvin: The People of NewSpace: NASA's Jesco von Puttkamer. Video hier.
Roddenberry, Gene: Star Trek. München, 1980, S. 9ff.
Seidel, Heidrun: Nasa-Manager Jesco von Puttkamer fordert mehr deutsches Engagement in der Raumfahrt. in: Lausitzer Rundschau, 20. Juli 2010, Website hier. [6. Oktober 2019]
von Puttkamer, Jesco: Die Reise des schlafenden Gottes. München, 1960.

Weiterführende Leseliste.

Star Trek, Deine Deutschen, Teil 00: David Hurst.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 01: Franz Bachelin.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 02: Walter Gotell.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 03: Jesco von Putkamer.
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Star Trek, Deine Deutschen, Teil 06: Reiner Schöne.

Samstag, 5. Oktober 2019

Star Trek, Deine Deutschen, Teil 02: Walter Gotell

Einleitung.
In Deutschland werden 2019 dreißig Jahre Mauerfall gefeiert und auch die Star Trek Tafelrunde "Hermann Darnell" aus Potsdam Babelsberg möchte diesem Ereignis mit einer ganz besonderen Reihe Tribut zollen, in der - inspieriert vom Leben des kürzlich verstorbenen David Hurst - Deutsche bei Star Trek näher beleuchtet werden. Dabei geht es weniger um Personen wie Levar Burton oder Jeri Ryan, die im Zuge von Militärstationierungen im amerikanischen Sektor Deutschlands das Licht der Welt erblickten. Oder Schauspieler wie Mark Allen Shephard oder Nancy Kovack, die mittlerweile in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Selbst deutsche Charaktere wie Keyla Detmer oder Carl Jaeger finden hier keine Erwähnung.
Stattdessen erzählen wir zwischen dem 3. Oktober und dem 9. November 2019 zwölf Geschichten über zu Unrecht hierzulande weniger bekannte Darsteller, Regisseure und anderweitig mit Film und Fernsehen verbundene Personen und deren Beziehung zu Deutschland und Star Trek. Dabei wollen wir zeigen, dass Deutsche stets entscheidend dabei halfen, Star Trek zu dem Kultobjekt zu formen, das es heute ist.




Walter Gotell.
Es gibt wohl nur wenige Folgen der ersten Staffel TNG, die man guten Gewissens als 'Höhepunkt' bezeichnen könnte. "Ein Planet wehrt sich" gehört ganz sicherlich nicht in diesen erlauchten Kreis. Im Gegenteil; die Kritik ist sich einig: Ein unausgewogenes, weil zu oft bearbeitetes Drehbuch, dessen Thema sowohl im TNG-Pilotfilm als auch in der TOS-Episode "Horta rettet ihre Kinder" besser behandelt wurde.
Der Wert dieser Episode liegt daher heute eher im thematischen Rahmen des Terraformings und im Umstand, dass irgendjemand in der Casting-Abteilung die Gelegenheit beim Schopfe gepackt hat, die Figur des Kurt Mandl mit dem Deutschen Walter Gotell zu besetzen.

Walter Gotell im A-Team, Knight Rider und MacGyver
Andererseits ist das auch nicht so ungewöhnlich, denn zum einen beschrieb das Drehbuch mit Mandl explizit einen Deutschen und zum anderen empfahl es auch, zu diesem Anlass einen Darsteller aus dem Land der Dichter und Denker zu verpflichten.
Ferner war der Gedanke, eine schlechte oder mittelmäßige Folge dadurch aufzuwerten, Gotell als Gaststar zu verpflichten, keineswegs neu. Bereits in anderen klassischen Serien der Achtziger Jahre wie "Das A-Team", "Knight Rider" oder "MacGyver" (unvergessen dort seine Rolle als russisches 'übersinnliches Medium' in der DDR) schmückte man sich mit dem charismatischen Schauspieler aus Deutschland.

Gotell bei MacGyver in der DDR
Dabei fängt da bereits der Verpackungssschwindel an, der Gotell sein Leben lang begleiten sollte. Zwar wurde Walter Jack Gotell tatsächlich am 15. März 1924 in Bonn geboren, das damals jedoch kaum mehr als eine preußische Provinzstadt am Rhein war (im Gegensatz zu späteren Jahren, als die Stadt zur Hauptstadt Westdeutschlands aufstieg und Austragungsort der FedCon wurde), doch wie sein Zweitname bereits vermuten lässt, war er das Kind britischer Staatsbürger und seine deutsche Staatsangehörigkeit spätestens ab der Machtergreifung der Nationalsozialisten kein Argument mehr für den Verbleib der Familie in der fremdenfeindlichen Diktatur. Die Eltern kehrten nach Großbritannien zurück wo Gotell schließlich den größten Teil seiner Jugend verbrachte.
Was ihm von seinem Geburtsort in die Wiege gelegt wurde blieb aber seine linguistische Begabung. Insgesamt sprach er fünf verschiedene Sprachen was ihm besonders half, als er sich mit achtzehn Jahren – entgegen der Vorstellungen seiner Eltern, die ihn am liebsten ein Medizinstudium antreten gesehen hätten – der Schauspielerei zuwandte.


Der Moment war günstig gewählt, denn während des zweiten Weltkrieges waren nicht nur viele britische Schauspieler in den Armeedienst übergetreten, sondern auch ein großer Bedarf an Darstellern mit Deutschkenntnissen entstanden, die den Kriegsgegner verkörpern konnten. Genau in dieser Mangelsituation betrat Gotell in London die Bretter die die Welt bedeuten – vor allem als böser deutscher Nazi. Dieses Image verfolgte ihn hartnäckig, so dass man ausgerechnet jenen Mann, dessen Familie einst vor den Nazis aus Deutschland floh, in zahlreichen Filmen wie "Eiskalt in Alexandrien" (1958), "Die letzte Fahrt der Bismarck" (1960) oder "Die Kanonen von Navarone" (1961) in der Uniform des Hitlerreiches bewundern kann.
So gesehen war es schon etwas Besonderes, dass Gotell in Star Trek einen Deutschen spielen konnte, der von jeglichem nationalen Ballast befreit war – was bei genauerer Betrachtung keineswegs der Normalfall in seiner Karriere war.

Walter Gotell als Anatol Gogol und Lawerent Berija
Seine Beschränkung auf vorrangig deutsche Rollen lockerte sich erst, als er 1963 die Rolle seines Lebens ergattern konnte: Im zweiten James Bond-Film "Liebesgrüße aus Moskau" besetzte er die kleine Rolle des SPECTRE-Direktors Morzeny. Auch wenn die Rolle überschaubar war, öffnete sie ihm doch die Tür ins James-Bond-Universum, dem er die nächsten vierundzwanzig Jahre treu bleiben sollte.
Es war vor allem seine Ähnlichkeit mit dem ehemaligen sowjetischen Geheimdienstchef Lawrenti Berija, die ihm zu einer neuen Rolle verhalf, die er in sechs Bond-Filmen einnahm: die des KGB-Leiters Anatol Gogol. Walter Gotell ist bis heute der einzige Schauspieler, der zusammen mit drei verschiedenen Bond-Darstellern (Sean Connery, Roger Moore und Timothy Dalton) arbeitete.
Zwar erhöhte diese Rolle einerseits seine Bekanntheit als Schauspieler immens, führte aber andererseits auch dazu, dass er nun in Produktionen wie "Der Spion" (1982), "Robert Kennedy and His Times" (1985) oder "Bombenstimmung im Hauptquartier" (1985) vorranging sowjetische Spione oder russische Würdenträger verkörperte.

Walter Gotell mit Roger Moore (zweiter und dritter von rechts)
Gotell selbst dürfte dies allerdings vergleichsweise wenig beeindruckt haben. Der spätere Ingenieur und Automationsexperte reinvestierte das Geld, das er durch seine schauspielerische Tätigkeit eingenommen hatte entweder in eine seiner drei Firmen oder in den Bauernhof, den er in Irland betrieb. Auf der grünen Insel verbrachte er schließlich seinen kurzen Lebensabend, bevor er am 5. Mai 1997 in London an Krebs verstarb.

Gotell als Gogol
Sieht man sich "Ein Planet wehrt sich" heute noch einmal an, fallen einige Dinge ganz besonders auf. Zum einen ist deutlich zu merken, wie sehr die Präsenz Gotells diese Folge aufwertet. Vor allem im englischen Original bildet im Hinblick auf seine eingangs beschriebene schillernde Karriere sein ungewohnter deutsch-britischer Akzentmix eine von jenen Auffälligkeiten, bei denen man sich ständig selbst fragt, warum einem das nicht schon viel früher aufgefallen ist.
Aber auch die deutsche Synchronisation dieser Episode erzählt eine ganz eigene Geschichte. Seine deutsche Stimme wurde ihm nämlich von Klaus Miedel verliehen, deren Klang man vielleicht als den der deutschen Stimme des Fürsorgers aus dem Voyager-Pilotfilm kennen könnte. Das ist zumindest für deutschsprachige Bond-Fans verwirrend, denn hier wurde der Schauspieler von einem ganz anderen Synchronschauspieler eingesprochen, der hier wohl mit Absicht nicht verpflichtet wurde. Schließlich handelte es sich dabei um Herbert Weicker – der deutschen Stimme Spocks.


Vorschau.
In der nächsten Folge berichten wir von einem adeligen Wissenschaftler aus Leipzig, der seinen Spitznamen von DeForrest Kelley erhielt und für einen Kinofilm die Grundlagen des Warpantriebs etablierte. Ein Mann, der nicht nur für die NASA arbeitete, sondern ganz nebenbei auch Star-Trek-Fan-Fiction schrieb...

Quellen.
Altman, Mark A.; Gross, Edward: Captain's Logbuch. Königswinter, 1994, S. 198.
DeMichael, Tom: James Bond FAQ. All That's Left to Know About Everyone's Favorite Superspy. New York, 2012. GoogleBooks-Seite hier. [4. Oktober 2019]
Hepple, Peter: Walter Gotell. In: The Stage, 03. Juli 1997, Website hier. [4. Oktober 2019]
Vallance, Tom: Obituary Walter Gotell in: The Independent, 20. Juni 1997, Website hier. [4. Oktober 2019]

Weiterführende Leseliste.

Star Trek, Deine Deutschen, Teil 00: David Hurst.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 01: Franz Bachelin.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 02: Walter Gotell.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 03: Jesco von Putkamer.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 04: Barbara Bouchet.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 05: Winrich Kolbe.
Star Trek, Deine Deutschen, Teil 06: Reiner Schöne.