Donnerstag, 26. September 2013

Der Abstieg in die Hölle? Versuch einer Musikanalyse

Nach langem Überlegen und einigen Nachfragen habe ich mich mal am heutigen Wahl-Sonntag daran gemacht Star Trek ein wenig musikalisch unter die Okularimplantate zu nehmen.
Es folgt also eine kleine Analyse der Einleitung des Original-Movie-Soundtracks, am Beispiel ST 8, sowie eine Analyse des Hauptmotivs vom 2009er Film, welches ja bekannterweise bei STID erneut aufgegriffen wurde.
Da Musik allgemein recht subjektive Eindrücke erzeugen kann, möchte ich darauf hinweisen, dass die Ausführungen keine Allgemeingültigkeit besitzen und sowohl Analyse also auch Meinungen meinem wilden Inneren entspringen.

Viel Vergnügen =/\=


Zu Beginn hören wir erst einmal rein, wobei der Teil der Analyse etwa bei Zeitindex 0:30 endet:




Schauen wir uns nun einmal den ersten Abschnitt der Melodie an (bis Zeitindex 0:15):

Betrachtet man die ersten 3 Töne (a, d, g) fällt auf, dass der Abstand zwischen den einzelnen Tönen jeweils eine Quarte, also 3 Ganztonschritten (A-h-c-D, sowie D-e-f-G), beträgt. Schichtet man die Töne a, d und g übereinander bzw. spielt sie zusammen, erhält man einen Quarten-Akkord.
So weit - so unspektakulär. Ach wirklich? Die westliche Musik - sowohl die Klassik als auch ein Großteil der Pop-Musik - basiert auf Dreiklängen. Ein Dreiklang ist ebenfalls eine Übereinanderschichtung von Tönen, allerdings in einem Abstand von Terzen. Durch die großen und kleinen Terzen ergeben sich Dur- und Moll-Akkorde. Der eine oder andere mag sich vielleicht noch aus Schulzeiten daran erinnern: Der Dur-Akkord besteht von unten nach oben betrachtet aus einer großen und einer kleinen Terz und klingt heiter, kraftvoll, fröhlich. Der Moll-Akkord hingegen ist genau umgekehrt aufgebaut, nämlich zuerst mit einer kleinen Terz und dann mit einer großen. Ihm werden eher Attribute wie Trauer, Nachdenklichkeit und Schwere zugesprochen.
Doch wie eingangs erwähnt haben wir im gegeben Musikbeispiel nun weder einen Dur- noch einen Moll-Akkord, sondern eben einen solch sonderbaren Quarten-Akkord. Dieser ist - die J'naii wird es freuen - geschlechtslos, weder Dur noch Moll. Bezogen auf unsere traditionellen westeuropäischen Klangvorstellungen also eher ungewöhnlich. Nicht richtig greifbar, fern und offen.

Schauen wir uns mit den gewonnen Erkenntnissen nun noch einmal das Motiv an: Wir stellen fest, dass solch ein Quarten-Akkord nicht nur einmal, sondern sogar zweimal vorkommt, wobei beim zweiten Auftreten sich dieser um eine Tonstufe nach oben verschoben hat:


Also noch mehr Unbekanntes. Wenn man sich den Verlauf der Melodie rein optisch zu Gemüte führt, fällt auf, dass diese insgesamt nach oben strebt, fast so wie der DAX in rosigen Zeiten. Dies gilt auch für die Grundtöne der beiden Quarten-Akkorde (a, h), also die in den Markierungen am weitesten links zu findenden Töne. Nimmt man zu diesen beiden Grundtönen nun noch den Zielton (cis) hinzu - also den letzten Ton der Melodie in den Takten 3 und 4 - und verlagert ihn eine Etage nach unten, erhält man eine aufsteigende Linie von 3 Ganztönen:


Aha! Erwischt! a, h, cis...der Beginn einer Dur-Tonleiter! Etwas Gutes, Positives, Fröhliches! Also doch nicht ganz so verloren und geschlechtslos. Die Melodie verspricht zwar etwas Unbekanntes, wirkt aber insgesamt eingebettet in ein positives Gesamtkonstrukt. Und dann auch noch nach oben strebend, ganz so wie eine gewisse Rakete an einem 5. April...to boldly go eben...
Diese Idee wird nun in Takt 5 fortgesetzt und von dem Ton cis aus begonnen, der als letztes erreicht wurde (allerdings eine Etage weiter unten):


Dieses Spiel könnte man nun prinzipiell beliebig weiter führen, aber um nicht langweilig zu werden, beginnen die Kollegen dann doch lieber mit der Verarbeitung des generierten Materials (ab Zeitindex 0.30)
Aber auch hier ist auffällig, dass die beiden Start-Töne in Takt 1 und 5 zueinander den Abstand einer großen Terz haben, also den Beginn eines Dur-Akkordes. Schon wieder etwas positiv Wirkendes :-)

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Jetzt stellt sich also die spannende Frage, wie es sich um das Leitmotiv der Reboots von 2009 und 2013 handelt. Auch hier hören wird zunächst einmal rein:



Und werfen auch hier einen Blick auf den Diskussionsgegenstand:


Die Melodie erhält durch die in jedem Takt wiederkehrenden Triolen - die Noten mit der eckigen Klammer und der Ziffer 3 darüber - etwas gedehntes, eine Ahnung von Weite aber - wie ich finde - auch Schwere im Sinne von zähem Vorankommen.
Rein optisch ist hier kein klarer Aufstieg zu erkennen, zwar beginnt Takt 3 einen Halbton - dem kleinsten in der europäischen Musik zu findenden Tonabstand - höher (es), jedoch befinden wir uns in Takt vier sogar unterhalb des Start-Tones ins Takt 1 (cis).

Die Melodie als solche scheint nicht sehr spektakulär, dreht sich ein bisschen um sich selber und findet nicht so richtig raus. Um in der Analyse weiter zu kommen, schauen wir uns einmal an, wie diese Melodie nun harmonisch, also mit Dreiklängen - wir erinnern uns - aufgefüllt wird:


Ein Moll-Akkord (Dm)... Gleich zu Beginn. Die Grundtonart ist also d-Moll. Erläuterungen zur Bedeutung von moll-Akkorden siehe oben...
Da die Melodie - wie gesagt - stagniert, lohnt sich der Blick auf die Begleitung: Setzt man die untersten Töne der Begleitakkorde (d,b,g) zusammen, ergibt sich ein...Moll-Akkord :-( g-Moll, um präzise zu sein. Und man erkennt eine absteigende Linie.

In der Musikanalyse hilft die sogenannte Harmonielehre vielerorts weiter. Diese ordnet alle möglichen Akkorde und setzt sie in ein Verhältnis zueinander. Die drei wichtigsten harmonischen Funktionen sind die sogenannte Tonika, sozusagen das Zentrum oder der Bezugspunkt eines musikalischen Abschnitts, die Dominante, welche das Zentrum bestimmt, also über dieses dominiert, indem sie es mit Hilfe des Leittons bestätigt und die Subdominante, die nicht über dem Zentrum sondern darunter (sub) thront und eher vom diesem wegführt.
Wir finden in unserem kleinen Beispiel alle drei: Die Tonika (t) in Takt 1, die Dominante (D) in Takt 4 und die Subdominante (s) in Takt 3. Der zweite Akkord B-Dur (der Eindeutigkeit und internationaler Schreibweise halber von mir mit Bb bezeichnet) nimmt funktional den Tonika-Gegenklang ein, aber das nur als Nebeninformation.


Interessant für die Betrachtung ist vor allem Takt 3: Hier taucht, wie gesagt, die Subdominante auf - und zwar in einer musikalisch ganz besonderen Form. In d-Moll wäre die natürliche Subdominante, also diejenige ohne jede Veränderung, g-Moll (g, b, d), hier aber finden wir die Töne g, b und es (statt d). Hierdurch bekommt der Akkord im Gesamtzusammenhang mehr Schärfe und zieht die Stimmung erheblich nach unten. Wir sprechen vom sogenannten  
Neapolitanischen Sextakkord (sn). Dieser wurde schon bspw. von Johann Sebastian Bach (1685 - 1750) verwendet. Er und nachfolgende Komponisten nutzten diesen u.a. um großen Schmerz und den Abstieg in die Hölle kenntlich zu machen.

Wenn man es aus dieser Perspektive betrachtet ist bereits im dritten Takt determiniert, wohin die Reise in den Neuauflagen des Franchise geht. (Aber wie eingangs erwähnt: Es handelt sich um eine hochgradig subjektive Veranstaltung...)

Auch die dem Neapolitaner folgende Dominante hilft leider nicht aus der Misere, denn sie bestätigt nur, was schon alle ahnen und wissen, nämlich, dass wir uns in d-Moll befinden.
Das einzige, was nun noch passiert, ist, dass die Melodie zum Schluss ein wenig abgeändert nach oben geführt wird, um sich dann aber doch wiederum bei d-Moll einzufinden.


Natürlich gibt es in beiden Universen musikalische Stellen voller Mut und Vorwärtsstreben auf der einen und Angst und Zerstörung auf der anderen Seite. Jedoch finde ich, dass das einführende Motiv viel über die Grundstimmung aussagt. So betrachtet erfüllen beide Soundtracks ihre Aufgabe grandios :-)

Ach ja, übrigens: In der Musikgeschichte ordneten viele Fachleute jeder Tonart eine bestimmte Charakteristik zu. Die Tonart d-Moll - in welcher ja das Leitmotiv der Reboots rangiert - war dabei, laut des Schubert-Zeitgenossen Christian Friedrich Daniel Schubart, übrigens die Tonart des Verderbens durch die Frau...da kann man mal eine Weile drüber nachdenken...

Kommentare:

  1. Schlichtweg großartig!
    Gewitzt geschrieben, fachkundig präsentiert und dennoch selbst für einen Laien wie mich verständlich und nachvollziehbar gehalten. Der Artikel bietet mir einen Zugang zu Star-Trek-Soundtracks, der mir bislang verwehrt geblieben ist.
    Auch wenn Du auf Subjektivität pochst, muss ich doch zugeben, Deiner Interpretation schon allein ob der Argumentation beizupflichten.
    Schlichtweg großartig!

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  2. Sehr cool, vielen Dank, dass Du Dich da rangewagt hast, vor Allem so kurzfristig! Ich finde es wirklich spannend, wie solche Stücke aus Sicht eines Musikers aussehen und wie man das subjektive Empfinden der Stimmung doch so genau in "Formeln" fassen kann.
    Es macht neugierig! Wäre schön, auch mal einen Einblick in die anderen Stücke zu bekommen - irgendwann ;)

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  3. Vielen Dank für den Deinen Beitrag. Auf diese Analyse hab' ich schon lang gewartet. Riesen Dank auch für die Noten. Endlich was zum Nachspielen.
    Mehr davon!

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  4. Vielen lieben Dank für die positiven Rückmeldungen. Das motiviert ;-)

    Vielleicht sorgen ja die kommenden, grauen Herbst-Wochenenden für weiteren kreativen Output...

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  5. Auch aus der Ferne ein riesiggroßes DANKE! an Dich! Ja und den neapolitanischen Sex-Akkord werde ich wohl nun mein Leben lang mit Dir in Verbindung bringen....

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  6. Sehr interessant, wirklich. Und schön unterhaltsam geschrieben.
    Nur den neapolitanischen Sext-Akkord kann ich nicht ganz nachvollziehen, denn für mich ist das ein Es-Dur. Das G ist in am Anfang des Taktes nur einmal vorhanden, spielt deshalb keine so große Rolle. Das Es dagegen taucht gleich zweimal auf. Außerdem liegen in der Begleitung die Töne sehr nah beieinander, so dass dem G gar keine klare Bedeutung zukommt.
    Wenn man sich das Beispiel anschaut, welches du verlinkt hast (zu Wiki) so fällt auf, dass die gesamte Begleitung auf dem D rumhackt (in zwei verschiedenen Lagen). Ich vermute, dass, hätte man nur ein D, das Ganze auch eher nach einem B-Dur klingen würde. In der ersten Umkehrung.
    Und genau dies vermute ich auch bei dem Star-Trek-Motiv hier. Eine erste Umkehrung von Es-Dur. Aber genau weiß ich es auch nicht. Ich habe nie Musik studiert und bin alles autodidaktisch angegangen.
    Was mir allerdings noch aufgefallen ist, ist, der Wechsel von (wie ich behaupte) Es-Dur zu A-Dur. Dies ist eine übermäßige Quarte und sie wurde zu Bachs Zeiten "Teufelsintervall" genannt. Und besonders in der Filmmusik werden solche Wechsel sehr gern genutzt, wenn etwas mystisch sein soll. Das Thema aus Alien1 hat diesen Wechsel beispielsweise auch. Das noch ein kleiner Beitrag von mir.
    Alles in Allem aber wirklich ein großes Kompliment. Sehr inspirierend. Auch für meinen Blog...

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    1. Hallo Jan. Vielen Dank für Dein Interesse und Deine Worte.
      Um die Deutung von Es-Dur habe ich mir auch einige Gedanken gemacht, es liegt aber Nahe, dass es sich um einen Neapolitanischen Sextakkord (im folgenden Nappi genannt- Musiktheoretiker mögen mir verzeihen) handelt, denn wie sollte man Es-Dur in D-moll anders deuten? Als Subdominante des Tonika-Gegenklangs? (Es-Dur relativ zu Bb-Dur). Außerdem spricht für diese Deutung das unmittelbare Anschließen der Dominante A-Dur - wie D ja auch geschrieben hast, somit ergibt sich die klassische Verwendung, indem nämlich der Grundton d um je einen Halbton in den Mittelstimmen umspielt wird (es, cis, d).
      Ich muss Dir in dem Punkt beipflichten, dass es sich nicht um einen Nappi in der Grundstellung handelt, denn dann wäre das g im Bass. Jedoch erscheint irgendwann im Thema eine absteigende Basslinie, die an der Stelle des diskutierten Akkordes ein ganz klares Es intoniert. Somit handelt es sich streng genommen um eine Subdominante mit tief-alterierter Sexte (Nappi) im Bass.

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    2. Also ich will nicht sagen, dass ich wirklich überhaupt nichts von dem verstanden habe, was du da geschrieben hast, aber ...
      Doch Moment, genau das will ich eigentlich sagen ;)

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    3. Geht mir auch so, wie war das, die "Subdominante des Tonika-Gegenklangs.... mit tief-alterierter Sexte"? Aha - ist das was Schmutziges? ;)

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  7. Viel Mühe, aber leider auch einige (Denk)-fehler. Schon im ersten Satz wird der Abstand h-c als "Ganztonschritt" bezeichnet. Das ist verkehrt. Hätte man dies korrekt analysiert, wäre man zu einem tonalen Ergebnis gekommen, nämlich dass der 1. Akkord ein D-Akkord mit Quartenvorhalt (g) ist, der sich dann durch das fis als D-Dur entpuppt. Entsprechend endet die Melodie mit Spannung, nämlich dem Leitton cis zum Tonikagrundton d hin.

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