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Sonntag, 15. August 2021

Turons Senf zu "Seltsame Energien" [LD, S2Nr01]




Spoilerwarnung
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Diese Rezension enthält massive Spoiler auf "Seltsame Energien", die erste Folge der zweiten Staffel von "Star Trek: Lower Decks" und sollte erst gelesen werden, wenn man diese und weitere Folgen bereits gesehen hat.





Einleitung.
Bislang war das Jahr 2021 ein erstaunlich Star-Trek-freies Jahr: Weder "Star Trek: Picard" noch "Star Trek: Discovery" gelang es trotz großspuriger Ankündigungen, bislang die nächste Staffel fertig zu produzieren und in den Streaming-Äther zu werfen. Auch "Star Trek: Prodigy" wird (vor allem hierzulande) wohl noch etwas auf sich warten lassen; von "Strange New Worlds" ganz zu schweigen.
In derlei ereignisarmen, durch die weltweite Corona-Pandemie geprägten Tagen vermögen bestenfalls noch neu aufgeflammte Film-Gerüchte die allgemeine Star-Trek-Lethargie zu durchbrechen, wäre da nicht eine ebenso umstrittene wie produktive junge Animationsserie, die allen Widrigkeiten zum Trotz acht Monate nach Jahresbeginn eine zweite Staffel aus dem Ärmel schüttelt, während der Rest der Film- und Fernsehlandschaft unter den erschwerten Bedingungen ächzt.
Doch kann "Lower Decks" die große Lücke schließen, die sich 2021 quer durch die Sehgewohnheiten der mittlerweile beinahe schon von der Serienfülle verwöhnten Fans gerissen hat?
Wir sagen entschlossen: "Jein".





Story.
Abermals gilt es für die Mannschaft der USS Cerritos eine dieser langweiligen Zweitkontaktmissionen zu absolvieren, von denen die Crew und vor allem ihr Captain langsam genug hat. Damit aber ist der Routine noch längst nicht Genüge getan, denn auch neben diesem Pflichtprogramm gibt es zahlreiche Déjà-Vu-Momente: Abermals geht Samanthan Rutherford mit dem attraktiven Trill-Fähnrich Barnes aus; abermals stemmt sich Beckett Mariner während einer Außenmission der Autorität des ersten Offiziers Jack Ransom entgegen und abermals kulminiert der Mutter-Tochter-Konflikt zwischen ihr und dem Captain Carol Freeman in einem Aufenthalt in der Arrestzelle.
Wäre da nicht der spontane Aufstieg Ransoms zu einem gottgleichen Wesen (natürlich inklusive dem damit einhergehenden Machtmissbrauch) und D'Vana Tendis Versuch, ihren Freund Rutherford von den Auswirkungen eines vermeintlichen Synthetik-Gedächtnisschwundes zu bewahren (natürlich inklusive der damit einhergehenden Versöhnung), wäre es ein ganz normaler Tag an Bord des Schiffes der California-Klasse…  





Lobenswerter Aspekt.

Kanonfutter.
Machen wir uns nichts vor: Der beste Grund sich "Lower Decks" anzusehen ist, sich an den zahlreichen Referenzen, Anspielungen und Easter Eggs zu ergötzen, die diese Serie vor allem den absoluten Supernerds unter den Star-Trek-Fans zuhauf entgegenwirft. Beinahe fühlt man sich wie eine Taube auf dem Markusplatz in Venedig, die vor von achtlosen Touristen sorglos umhergeworfenen Brotkrumen gar nicht weiß, wohin sie zuerst picken soll.
Das beginnt bereits in der Eingangsszene mit der bloßen Zurschaustellung von vier Lichtern in einem cardassianischen Verhörzentrum, womit die Serie einen klassischen Star-Trek-Moment aufgreift und den Zuschauern gekonnt unter die Nase reibt.
Im Anschluss dreht sich der Kern der Episode in erster Linie um die Originalserie, nicht zuletzt, weil Jack Ransom eine Transformation durchlebt, wie sie im zweiten TOS-Piloten "Die Spitze des Eisbergs" einem Mann namens Gary Mitchell widerfuhr – ein Name, den auch diese Episode nicht müde wird zu erwähnen. Gewürzt wird dieses neuaufgewärmte Mikrowellengericht mit Gott-Gefühlen aus "Der Tempel des Apoll", aber mit dem genialen Einbezug von "Nightingale Woman" und dem Schlussakkord eines stilecht zur Geltung gebrachten Felsbrockens weiß man recht schnell, welch Vaters Kind "Seltsame Energien" am Ende des Abends wirklich ist.
Mit einem Schiff der Miranda-Klasse (das im Hinblick auf die nach der Veröffentlichung des Trailers explodierenden Fan-Theorien passenderweise den Namen USS MacDuff trägt) und vor allem seiner  Brücke im klassischen Look des ausgehenden 23. Jahrhunderts bedient sich die Folge auch aus dem reichhaltigen Fundus der frühen Star-Trek-Kinofilme, wobei Ruthersfords 'Versprecher' von "SGS" zum "LSD" zu den subtileren seiner Art zählt (allerdings geht das in der deutschen Übersetzung verloren, wo man aus unerfindlichen Gründen "SOS" daraus macht).
Doch damit nicht genug!
Tendis Besessenheit im Bezug auf Rutherfords Gehirn erinnert stark an Phlox' parallele Manie in "Eigenarten", die komplette Eingangsszene in ihrer ganzen holografischen Nichtigkeit schlägt gekonnt einen optischen Bogen zu DS9 und unter den Schiffen der cardassianischen Station kann der geübte Beobachter gar den Delta-Flyer der USS Voyager ausmachen. Und unter den Souvenirs des Captains von ihren gemeinsamen Missionen mit ihrer Tochter befindet sich auch ein Helm, der den Klingonen aus den Abrams-Kinofilmen entliehen scheint.
Meine (ganz persönlichen) drei Highlights bestehen allerdings im Wiedersehen mit Captain William Riker und seinem Schiff USS Titan – auch wenn der Auftritt Jonathan Frakes' im Grunde ähnlich überschaubar (wenn nicht noch überschaubarer) blieb wie im Finale der ersten Staffel von "Lower Decks".
Platz zwei gilt der Erwähnung der cetaceanischen Ops, die - erstmals in der TNG-Episode "Die alte Enterprise" in den internen Bordfunkschnipseln erwähnt wurde – ihrerseits auf die Wale (lat. Cetacea) im vierten Kinofilm "Zurück in die Gegenwart" anspielt. Diese Schiffseinrichtung regt seit jeher die Fantasie der Fans an und es obliegt scheinbar dieser Serie, abermals (sie wurde bereits in "Zweiter Kontakt" als einer der großartigsten Orte an Bord beschrieben) mit diesem mystischen Schwebezustand geschickt zu spielen.
Der unangefochtene Spitzenreiter unter den Anspielungen dieser Folge bildet allerdings der lapidare Satz "Ich weiß, dass persönliche Konflikte nicht erlaubt sind, aber ich hasse diese Andorianerin!", den Mariner zum Besten gibt, nachdem sie von der Andorianerin Jennifer bei ihren Holodeckeskapaden unterbrochen wird. Damit spielt die Autorenschaft der Serie vor allem an die Vorgabe des Star-Trek-Schöpfers Gene Roddenberrys an, in seinen Serien und Filmen völlig auf interpersonelle Konflikte zu verzichten, um seine Vision einer utopischen Gesellschaft zu verdeutlichen. Seitdem stießen sich zahlreiche Drehbuchautoren an dieser starren Vorschrift, die spätestens mit dem Tod Roddenberrys in "Deep Space Nine" oder "Voyager" in den Hintergrund trat, um schließlich mit "Discovery" völlig ausgehebelt zu werden.
Genau wegen dieser mitunter harmlos erscheinenden, aber erstaunlich tiefen Seitenhiebe bleibt "Lower Decks" in meinen Augen die spannendste der aktuellen Star-Trek-Serien, an der man als jahrelanger Fan mit dem eigenen, über all die Jahre angesammelten unnützen Wissen durchaus seinen Spaß haben kann.



Kritikwürdige Aspekte.

The Return of the Flachwitz.
Vor allem in der Region Berlin-Brandenburg verdanken viele Menschen einem Hobbyphilosophen (und Aquariumsreiniger) namens Mike Lehmann die zeitlose Weisheit, dass Humor ein subtiles Fremdwort sei. Was dem einen beinahe die Bauchdecke vor Frohlocken zerreißt, wird dem anderen bestenfalls ein müdes Mundwinkelzucken bescheren, wenn nicht gar den Untergang des Abendlandes beschwören lassen.
An dieser Stelle möchte ich mich jedoch keineswegs in den Chor der Unzufriedenen einreihen, die dem Witzgehalt dieser als Comedy gelabelten Serie jegliche Lustigkeit absprechen. An einigen Stellen habe ich mich tatsächlich gut amüsiert, doch es ist der Schluss der Episode, der mich etwas ratlos zurücklässt.
Denn mal ehrlich: Den A-Plot der Folge damit zu lösen, dem gottgleichen Wesen mit gleich mehreren gezielten Tritten in die Weichteile nicht nur die Kräfte, sondern auch den letzte Rest Würde zu nehmen, ist selbst für eine Zeichentrickserie die sich primär an Jugendliche richtet eine ziemlich flache Nummer. Bedenkt man ferner, dass genau diese Art "Jackass"-Humor mit der Beschränkung auf Schadenfreude über die genitalen Schmerzen anderer im genialen Film "Idiocracy" als perfektes Sinnbild für die Verrohung und Sinnentleertheit der Gesellschaft herangezogen wird, hinterlässt es einen faden Beigeschmack für eine Science-Fiction-Franchise, den auch die mageren Humorhöhepunkte abseits dieser Entwicklung nicht zu übertünchen vermögen.





Die Null muss stehen!
Klar gibt es auch in "Seltsame Energie" einiges Neues zu entdecken. Der Vorspann etwa, der pünktlich zum Start der zweiten Staffel ein wenig aufgehübscht wurde. Oder die USS Cerritos, die etwas detailreicher daherkommt als noch in der Premierenstaffel. Oder die vielen Hintergrundgimmicks in Boimlers altem Bett, Captain Freemans Andenkenkiste oder dem cardassianischen Raumschiffparkhaus. Dennoch hallt ein Satz aus dem Munde Mariners nach, sobald die Folge vorbei ist:
"Halt, das kommt mir bekannt vor…"
Dass es ein erhöhtes Aufkommen von "Das habe ich doch schonmal irgendwo gesehen…"-Momenten gibt, liegt nicht allein darin begründet, dass ein Großteil der sehenswerteren Szenen bereits im Trailer prominent verbraten wurden; es gibt auch zahlreiche Momente, in denen komplette Handlungselemente wie Konservenfutter aufgewärmt werden: Rutherford geht erneut auf ein Date mit Barnes, Mariner löst ihre Alltagsprobleme wiederholt auf dem Holodeck und das, was man von Boimlers Karriere auf der USS Titan serviert wird, spricht auch nicht unbedingt von Weiterentwicklung.
Das ist schade, denn eigentlich hat man den Weg zur neuen Staffel mit zahlreichen Möglichkeiten gepflastert, um eine kontinuierliche Entwicklung zu befeuern. So fand im letzten Staffelfinale Mariner eine Möglichkeit, mit ihrer Mutter zusammenzuarbeiten, Samanthan Rutherford schien durch den Unfall sein Gedächtnis verloren zu haben und auf der Cerritos musste der Posten des Sicherheitschefs dringend neu besetzt werden.
Davon ist aber in der ersten Folge der zweiten Staffel kaum mehr etwas zu spüren.
Obwohl suggeriert wird, dass eine Zeitspanne vergangen sein muss, die groß genug ist, um eine ganze Kiste mit Erinnerungsstücken anzusammeln, ist die Stelle an der Spitze Sicherheitsabteilung noch immer vakant, von Rutherfords Synapsenkoller ist nichts mehr zu hören und eigentlich sind die Probleme zwischen Mariner und ihrer Mutter noch immer die gleichen.
Es ist also eher Figurenstillstand eingetreten und zentrale Entwicklungen sind gekappt worden, nur um die Uhr wieder auf null stellen zu können. Klar kann man auf diese Weise nahtlos da weitermachen, wo man dereinst aufgehört hat, aber im Angesicht der Tatsache, dass bei zwanzig Minuten Folgenlänge ohnehin kaum Platz für Figurenwachstum vorhanden ist, muss man an dieser Stelle von einer verpassten Gelegenheit sprechen.
Ähnliches lässt sich auch inhaltlich bemängeln. Tendi und Rutherford gelingt es nicht einmal in Abwesenheit Boimlers, etwas anderes als den B-Plot zu bestreiten. Währenddessen fällt bei Mariners Einzeleinsatz auf, dass der Reiz der Serie darin besteht, dass sie und Boimler sich derart gut ergänzen. Alles wirkt viel eher wie die Nachspielzeit der ersten Staffel, als der ernst gemeinte Start der zweiten. Und Hand auf's Herz: Auch wenn das Aufgreifen von übermenschlichen psionischen Kräften aus der Originalserie eine nette Reminiszenz auf den Ursprung Star Treks bietet, bleibt es ebenso dick aufgetragen und mäßig interessant (im Vergleich zu den anderen Science-Fiction-Storys) wie schon damals, als sich noch Kirk und sein Felsbrocken damit herumschlagen mussten.





Kanonbrüche und Logiklöcher.
Ich würde mich an dieser Stelle gerne einmal darüber beschweren, dass der Führer des Planeten Apergos einen Stapel neuer PADDs bekommen soll, anstatt einfach herunterzuscrollen, aber um ehrlich zu sein ist genau das eigentlich der Witz an der Szene.
Daher bleibt mir nur eines zu kritisieren: Das Universum ist erstaunlich anglophon. So ziemlich jeder menschliche Charakter dieser Folge – Freeman, Ransom, Rutherford oder Stevens - trägt einen englischen Namen und als wäre das nicht genug, begegnen wir nunmehr einer Andorianerin namens Jennifer und einem Trill namens Barnes. Vielleicht hätte man sich – anstelle gottgleicher Supermenschen - eher in diesem Punkt von der Originalserie inspirieren lassen können, wo Roddenberry immerhin versucht hat, die Vielfalt der Erde in der Crew des Schiffes widerzuspiegeln.





Fazit.
Wer nach den turbulenten Ereignissen des Finales vor ein paar Monaten einen fulminanten Staffelstart erwartet hat, wird von "Seltsame Energien" zwangsweise enttäuscht werden, denn der Folge gelingt es nicht, die sorgsam eingefädelten Entwicklungen aufrechtzuerhalten. Stattdessen kehrt sie in gewohntes Fahrwasser zurück und liefert auch wie gewohnt Referenzen, die das Herz von Star-Trek-Nerds höherschlagen lässt. Da aber auch der Humor dieser Folge keine gelungene Gratwanderung hinlegt, bleibt am Ende festzustellen, dass diese Folge bei weitem nicht die Qualität der letzten Episoden der ersten Staffel erreicht.


Bewertung.
Mäßiger Start.






Schluss
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Es bleibt festzuhalten, dass es schön ist, nach so langer Zeit ohne eine aktuelle Star-Trek-Serie ausgerechnet "Lower Decks" in der Pole Position zu sehen, zumal es endlich gelungen ist, mit Amazon Prime einen Partner zu finden, der auch hierzulande eine zeitnahe Ausstrahlung im Wochenrhythmus gewährleistet. So haben die kommenden Monate endlich wieder Struktur und man hat jeden Freitag einen festen Eintrag im Terminkalender.
Die Serie wird allerdings in ihrer zweiten Staffel erst noch unter Beweis stellen müssen, dass der Überraschungserfolg der ersten Staffel keine Eintagsfliege war. Viele drängelnde Fragen (Wie kommt Boimler wieder zurück in den Schoß der USS Cerritos? Was ist mit der Stelle des Sicherheitschefs? Wie genau verbaut sich Captain Freeman ihre Versetzung auf ein Spitzenschiff der Sternenflotte?) gilt es zu klären und auch wenn der Start nicht unbedingt mit Bravour gelungen ist, bleibt dennoch die Hoffnung, dass die noch junge Serie sich schon bald berappeln wird, sich auf ihre Qualitäten besinnt und abermals ihren guten Ruf in (zumindest Teilen) der Fanlandschaft festigt.





Denkwürdige Zitate.

"Gott sei Dank, Mariner! Hol mich hier raus! Die zeigen mir immer diese Lichter…"
Hologramm von Bradward Boimler


"Worte können genauso wehtun wie Folterinstrumente, okay?!"
Beckett Mariner

"Hier geht grad irgendwas Sci-Fi-mäßiges ab!"
Mariner

"Die Menschheit hat ein, ähm, recht kompliziertes Verhältnis zu organisierter Religion."
Carol Freeman

"Es ist einfach ein Gott zu werden. Die Kunst ist, ein Gott zu bleiben."
Jack Ransom

"Ich sage nur Kirk und ein Felsblock."
T'Ana

Weiterführende Leseliste.

Staffel 2.

01. Rezension zu "Seltsame Energien"

Staffel 1.

01. Rezension zu "Second Contact"
02. Rezension zu  "Envoy"
03. Rezension zu "Temporal Edict"
04. Rezension zu "Moist Vessel"
05. Rezension zu "Cupid's Errant Arrow"
06. Rezension zu "Terminal Provocations"
07. Rezension zu "Much Ado About Boimler"
08. Rezension zu "Veritas"
09. Rezension zu "Crisis Point"
10. Rezension zu "No Small Parts"